Aufsatz 
Über des Mittelalters Licht- und Schattenseite, mit besonderer Hinsicht auf die deutsche Geschichte
Entstehung
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heit betrachtet. Bei der einen Partei herrſcht die Phantaſie vor, bei der an⸗ dern der kalte, Alles zerlegende und berechnende Verſtand. Die Phantaſie, welche das Große, Kraͤftige, Gigantiſche um ſo mehr liebt, wenn ſich das Zarte zu demſelben geſellt, verſchoͤnert das Bild vergangener Zeiten und erhebt es durch den Zauber, den ſie ihm in ihrem Spiegel verleiht. Der Verſtand hingegen zer⸗ ſtoͤrt den magiſchen Reiz und das Blendwerk der Schwaͤrmerei, reißt dem Bilde die verſchoͤnernde Huͤlle weg, und legt an das organiſche Gebilde ſein anato⸗ miſches Meſſer an, um zu ſehen, wie jedes Glied zum Ganzen paſſe, und was am Einzelnen und am Ganzen fehle.

Zwiſchen den phantaſtiſchen Lobpredigern und ihren phantaſiearmen Geg⸗ nern ſtehen die beſonnenen Wuͤrdiger in der Mitte, welche dem Verſtande ſein Recht geben, ohne das Gefuͤhl zu verachten, ohne das Gemuͤth zu verletzen, ohne jeden Schwung der Phantaſie zu unterbruͤcken. Dieſe betrachten die Ver⸗ gangenheit, wie ſie entſtanden und was durch ſie hervorgebracht worden, mit Vernunft, indem ſie die Begebenheiten auf ihre Urſachen zuruͤckfuͤhren, ſie aus ſich ſelbſt und aus ihren Verhaͤltniſſen zu andern Begebenheiten beurtheilen, und in ihren Folgen wieder erkennen; ſie legen nicht den gewoͤhnlichen Maß ſtab der Zeit, worin ſie leben, der Anſichten, welche die Mode oder die Par⸗ teiwuth geltend macht, an die vergangenen Jahrhunderte; ſie erheben ſich zu einer hoͤheren Anſicht: der feſte Pol, nach welchem ſie ſich bei ihren Beurthei lungen richten, iſt die Idee der Sittlichkeit und des Rechtes. Was der Beſtimmung des Menſchen, der Entwickelung und dem Fortſchreiten der Ver⸗ nunft, der Begruͤndung eines rechtlichen Zuſtandes in den Staaten entgegen⸗ wirkt, das tadeln und verwerfen ſie; was jenen Anforderungen entſpricht, das achten und loben ſie.

Der Hiſtoriker ſoll ein beſonnener Erzaͤhler und Wuͤrdiger der Thatſachen ſeyn; gleich fern von Ueberſchaͤtzung und ſtolzer Verachtung ſoll er von der