Aufsatz 
Über des Mittelalters Licht- und Schattenseite, mit besonderer Hinsicht auf die deutsche Geschichte
Entstehung
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Zeit, die er darſtellt, ein treues Bild entwerfen, ohne Haß und Gunſt, wie der große Hiſtoriker des Alterthums ſich ausdruͤckt*).

Das Mittelalter vernuͤnftig zu beurtheilen, das Gute in ihm nicht zu ver⸗ kennen, das Boͤſe nicht zu verſchweigen, dazu diene gegenwaͤrtiger Verſuch. Der vorhin erwaͤhnte Grundſatz der Humanitaͤt, der Vernunftbildung, ſei unſere Richtſchnur bei dieſer Beurtheilung. Denn keinen hoͤheren Grundſatz kann es fuͤr uns geben, wenn wir uns die Geſchichte als Erziehung des Menſchenge⸗ ſchlechtes unter der Leitung eines moraliſchen Weltregierers, unter den Geſetzen einer ſittlichen Weltordnung denken, d. h. wenn wir glauben, daß durch den wechſelſeitigen Verkehr der Menſchen und Voͤlker die edleren Anlagen der Menſch⸗ heit allmaͤhlig entwickelt und die Idee einer rechtlichen und ſittlichen Verfaſſung, ſo viel als moͤglich, verwirklicht werden ſolle.

Wir wollen, wie oben angedeutet worden, das Mittelalter nicht mit jener Zeit beginnen, wo Voͤlkermaſſen auf Voͤlkermaſſen ſich waͤlzten und einander verdraͤngten, wo bei dem Zuſammenſturze des Koloſſes roͤmiſcher Herrſchaft ganz Europa in einer großen Gaͤhrung war, und im Kampfe feindſeliger Ele mente erſchuͤttert wurde, ſondern mit jener Zeit, wo die Staaten ſchon eine etwas feſtere Geſtalt annahmen und die Gaͤhrungsſtoffe durch eine ſtaͤrkere Macht niedergeſchlagen wurden. Kaiſer Karl d. Gr. ſteht uns, wo nicht als Schoͤpfer, doch als Repraͤſentant jenes mittelalterlichen Geiſtes da, welcher ſich ausſpricht durch den muthigen Trotz auf eigene Kraft und durch Begeiſterung fuͤr Alles, was fuͤr groß, edel und heilig galt, und Maximilian I. bildet den Schluß jener vom ritterlichen Geiſte gluͤhend erfuͤllten Kaiſer. Das Hauptgepraͤge jener Zeit beſteht in einer ſtrengen Scheidung der Staͤnde und im Kaſtengeiſte, in der

*) Sine ira& studio. Tacit.