— 14—
aͤſſigten Zweig der Jugendbildung ein allgemeines Intereſſe erwacht iſt. Die Meiſterwerke der deutſchen Literatur werden auch jetzt mehr, als ſonſt, ven Auslaͤndern anerkannt und ſtudirt. Um ſo groͤßer waͤre fuͤr uns die Schande, wenn wir auf unſern Bildungsanſtalten die Jugend zwar mit den Schaͤtzen Grie⸗ chenlands und Latiums, aber nicht mit den Schaͤtzen des deutſchen Volkes bekannt machten. Aber iſt die Art und Weiſe, wie man die Mutterſprache gewoͤhnlich lehrt, die rechte? Bei einer lebendigen Sprache ſind die muͤndlichen und ſchriftlichen Uebungen noch weit noͤthiger, als bei einer todten; grammatiſche Vorſchriften reichen bei jener nicht aus; die Regel ſoll ins Leben uͤbergehen; Gewandtheit im Ausdrucke ſoll erzielt werden; dazu bedarf es haͤufiger Ver⸗ ſuche; Anfſaͤtze, Reden, muͤndliche Vortraͤge jeder Art duͤrfen nicht fehlen. Vor Allem muß das Leſen und Erklaͤren muſtergiltiger Schriftner in den hoͤheren Klaſſen fleißig betrieben werden. Dieſes Leſen muß der Theorie uͤber Poeſie und Beredtſamkeit, wovon noch weiter unten die Rede ſeyn ſoll, zur Seite gehen. Eine lebende Sprache iſt noch keine abgeſchloſſene, ſie iſt noch bildungsfaͤhig, die eine mehr, die andere weniger.
Die deutſche Sprache iſt an Biegſamkeit den alten ſehr aͤhnlich; in keiner neuern kann man die Freiheit der Wendungen und die vielen ſchoͤnen Versarten der Alten ſo nachbilden, als in der deutſchen. Wegen dieſes eigenen Charakters der Mutterſprache ſollte unſere vorzuͤgliche Sorge dahin gerichtet ſeyn, ihr den Grad von Wohllaut, deeſeen ſie bei ihrer Kraft faͤhig iſt, zu verſchaf⸗ fen. Dazu gehoͤrt aber die Bekaͤmpfung des Vorurtheils, als ſey der meißni⸗ ſche Dialekt der ſchoͤnſte. Nichts Schlimmeres haͤtte der deutſchen Sprache be⸗ gegnen koͤnnen, als daß dieſe oberſaͤchſiſche Mundart fuͤr die Schriftſprache herr⸗ ſchend ward, und ſo das Klangreiche ſuͤddeutſcher Mundarten groͤßtentheils ver⸗
hoffentlich auf vernuͤnftige Schulmänner ſo wenig Eindruck machen, als wenn der ſonſt ſo verdienſtvolle J. A. Erneſti über die Frau Mutterſprachen ſooͤttelt.. 1


