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her mehr eine Sprache der Gelehrten, und wurde nie im praktiſchen Leben ſo ge⸗ braucht, als das Lateiniſche. Und dennoch legt man auf griechiſche Aufſaͤtze an vielen Orten ſehr viel Gewicht, laͤßt ſogar griechiſche Verſe machen, und beurtheilt ſcharf die Stellung der Accente, deren Gebrauch doch fuͤr uns nicht viel werth iſt, weil uns die genaue Kenntniß dieſer muſikaliſchen Sprachzeichen abgeht, und uͤberhaupt, weil uns auch das griechiſche Organ fehlt. Iſt dieſes Verfahren nicht Pedanterei zu nennen? Dieſer Vorwurf trifft die engliſchen und franzoͤſſi⸗ ſchen Gelehrtenſchulen noch mehr als die deutſchen. Viele Stimmen haben ſich in neuerer Zeit gegen dieſes laͤcherliche Weſen erhoben; aber an der Liebe zum Herkoͤmmlichen und an dem alten Vorurtheile ſind ſie verhallt. Ja ein gewand⸗ ter Kaͤmpe iſt ſogar ausſchließlich fuͤr das Alte mit allen Waffen der Sophiſtik in die Schranken getreten: Friedrich Thierſch.*) Der ruhige Beobachter und Pruͤfer wird hier den Schein von dem Weſen ſcheiden, und am Ende dem gelehrten Manne zurufen: Auf dem Wege, den du uns fuͤhren willſt, ſind und waͤren die Griechen, deren Genialitaͤt wir bewundern, das nicht geworden, weßwegen wir ſie bewundern. Es iſt nicht ſchwer einzufehen, was die Vernunft jetzt verlangt, was Beduͤrfniß der Zeit iſt. Nicht Griechen und Roͤmer ſollen wir werden, aber das Vortreffliche des Alterthums ſoll auch nicht fuͤr uns verloren gehen. Wir wollen kennen lernen, was die Alten uͤber die wichtig⸗ ſten Angelegenheiten der Menſchheit gedacht, geſprochen und geſchrieben haben. Wir wollen aus ihrer Darſtellung das Gemaͤhlde ihres buͤrgerlichen, natio⸗ nalen, wiſſenſchaftlichen und kuͤnſtleriſchen Lebens auffaſſen. Die Meiſterſchaft, die ſie errungen haben, ſoll uns als erhabenes Bild vorſchweben, das uns zu gleichem Streben aufmuntere. Darum erfuͤlle deinen Geiſt und dein Herz mit den großen Gedanken, den edeln Grundſaͤtzen, die du in den Alten findeſt,
* Anm. In ſeinem Werke: Ueber gelehrte Schulen, mit beſonderer Ruͤckſicht auf Bayern, Stuttg. 1826. 5


