— 9— freien Aufſchwunge des Geiſtes entgegen ſtrebt und ihn zu verhindern ſucht. Im kirchlichen Moͤnchthum lag dieſes Intereſſe, den Geiſt niederzuhalten, ganz be⸗ ſonders, weil es ſelbſt nothwendig fallen mußte, ſobald die geiſtige Kraft des Volkes wuchs, und ein ſelbſtaͤndiges Denken an die Stelle des blindglaͤubigen Gehorſams trat.
Man kann die neuere Zeit ungeachtet ſo mancher Beſtrebungen, das alte paͤ⸗ dagogiſche und politiſche Moͤnchthum wieder herbeizufuͤhren, als eine ſolche be⸗ zeichnen, welche nach Muͤndigkeit in jeder Art ringt, wenn ſie auch in vielen Dingen noch nicht muͤndig geworden iſt.
Vernunftige Freiheit will und ſucht ſie in Allem: Freiheit im Den⸗ ken und im Glauben, keinen Gewiſſenszwang, keine Geiſtestyrannei; geſetz⸗ liche Freiheit in Rede und Schrift, keinen Preßzwang, keine Mundfeſſeln; Freiheit im Handeln, ſoweit ſie mit den Rechten Anderer vertraͤglich iſt; geſetzliche Verfaſſung; Gleichheit Aller vor dem Geſetze.
Veraltete Vorurtheile, Kaſten- und Sektengeiſt, Anſpruͤche auf Unfehl⸗ barkeit, Despotie und Moͤncherei, in welchen Formen ſie auch erſcheinen, uͤberhaupt Alles, was die heiligen Rechte der Menſchenwuͤrde kraͤnkt, und den Fortſchritt der Geiſtesbildung hemmt, ſind dem Geiſte unſers Zeitalters nicht mehr angemeſſen, wenn auchWiele, an denen die Geſchichte fruchtlos voruͤbergeht, jenes Alte wie⸗ der herbeifuͤhren moͤchten.
Aus dieſem Charakter der Zeit ergeben ſich leicht die Anſpruͤche, welche ſie an die Lehrer oͤffentlicher Schulen macht. Als hoͤchſter Grundſatz fuͤr die Schule ſtehet feſt: die edelſte aller menſchlichen Anlagen, die Vernunftfaͤhigkeit, auszubilden. Wie dieſer Grundſatz im Einzelnen ſeine Anwendung finden ſolle, wird ſich aus dem Folgenden ergeben. Wir wollen zuerſt von der Verſtandes⸗ und Gefuͤhlsbildung oder dem eigentlichen Unterrichte, und dann von der Ge⸗ muͤths⸗ und Willensbildung oder der Erziehung im engern Sinne reden.
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