— 8—
ſtand oder das Kunſtgefuͤhl, ſondern auch das Gemuͤth und den Willen; alle Wiſſenſchaft und alle Kunſt ſoll der Tugend und der ſittlichen Grazie dienen. Nicht fuͤr die Schule, ſondern fuͤr das Leben ſollen wir lehren und lernen. Den Zoͤgling fleißig, tuͤchtig fuͤr die Welt und edel zu bilden, das iſt die Aufgabe der Privat⸗ und der oͤffentlichen Erziehung. Alles dieſes iſt auf geiſtreiche und auf gewoͤhnliche Art in einer Menge von Erzie⸗ hungsſchriften beſprochen und behandelt worden.
Unſer Zweck iſt hier zu zeigen, was dieſe allgemeinen Grundſaͤtze in Be⸗ zug auf das Beduͤrfniß unſers Zeitalters fuͤr eine beſondere Anwendung fin⸗ den, und welche Anſpruͤche der beſſere Geiſt der Zeit an die oͤffentlichen Lehrer mache. Wir haben hierbei vorzuͤglich die Lehrer an Paͤdagogien und Gymna⸗ ſien im Auge, fuͤr welche Anſtalten zunaͤchſt dieſes Programm geſchrieben iſt.
Ein neues Zeitalter beginnt, wenn neue Ideen, die vorher nur von eini⸗ gen Wenigen ausgeſprochen wurden, oder nur das Eigenthum irgend einer Schule waren, allgemeiner werden, und unter das Volk ſich verbreitend die Ge⸗ muͤther maͤchtig bewegen, und Vieles in Verfaſſungen, Geſetzen, Gebraͤuchen und Sitten neu geſtalten. So begann ein neues Zeitalter fuͤr das Kirchliche mit den neuen Ideen, die durch die Reformation ins Leben eingefuͤhrt wurden; ein neues Zeitalter fuͤr das Politiſche, als die Lehren von Menſchenrechten und epraͤſenta⸗ tiver Verfaſſung allgemeiner zur Sprache kamen, und die alten Formen des Feu⸗ dalſyſtems, von freiſinnigen Ideen erſchuͤttert, immer mehr verſchwanden. Die neue paͤdagogiſche Zeit koͤnnen wir fuͤglich damit anfangen, als die von Rouſ⸗ ſeau und Bafedow ausgeſprochenen Grundſaͤtze ſich Eingang in die Familien und in die Schulen verſchafften, als durch die Vernuͤnftigen unter den Humaniſten der belebende Geiſt des klaſſiſchen Alterthums Wiſſenſchaft und Kunſt durch⸗ drang, und aus der Schule bildend auf das Leben einwirkte; als durch den Sturz des Moͤnchthums der menſchliche Geiſt mehr Freiheit und Schwung erhielt. Wir nehmen das Moͤnchthum hier im allgemeineren Sinne fuͤr Alles, was dem


