Aufsatz 
Wie sollen wir die klassischen Werke der Alten studieren? Mit besonderer Hinsicht auf Pädagogik
Entstehung
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konnen; doch zeichnet ſich auch dieſe durch großen Wohllaut, am meiſten aber durch majeſtaͤtiſche Wuͤrde und durch Nachdruck aus.

Zu dieſen Vorzuͤgen der Sprache kommt nun noch die Muͤhe und Sorg⸗ falt, welche die griechiſchen und roͤmiſchen Klaſſiker auf die Behandlung ihres Stoffs, auf die Einkleidung ihrer Gedanken, auf einen ſchoͤnen, wuͤr⸗ devollen und zugleich klaren Ausdruck, auf die Rundung ihrer Sätze und den Wohlklang der Wortſtellung verwandten.

Wir wollen zuerſt die griechiſchen Klaſſiker anfuͤhren, und unter dieſen zuerſt die Dichter, welche den meiſten Einfluß auf die ſchoͤne Bildung der Sprache haben. Welche Muſik herrſcht nicht in Homers Geſaͤngen; welche Zartheit in ſeiner joniſchen Mundart; welche Lebendigkeit in ſeinen Schil⸗ derungen!(ſ. oben S. 1011.) Wir ſehen den zuͤrnenden Apoll vor uns, wie er ſtuͤrmiſch herab kommt, und hoͤren das Raſſeln der Pfeile. Wir theilen die Gemuͤthsbewegungen des grollenden Achill. Wir verſetzen uns im Geiſte in das griechiſche Lager, und wohnen dem Rathe der Fuͤrſten bei, und hoͤren ihre Reden. Wir ſehen den kuͤhnen, tapfern Hektor Abſchied nehmen von der zarten Andromache mit ihrem Kinde; u. ſ. w. Alles, wie ſo natuͤrlich, wie ſo zart, ſo belebt in der ſchoͤnen Sprache gemahlt!

Welche Gluth iſt in den Oden des Alkaͤus und der Sappho! Welche Zartheit im Anakreon! Welche Wuͤrde und Kuͤhnheit in der Sprache Pin⸗ dar's! Welche Reinheit des Ausdrucks, welcher Wohllaut ſowohl in den Reden, als in den Chorgeſaͤngen des Sophokles!*) Welche Lebhaftigkeit

*) Ueber Sophokles:In der Schönheit der Werke des Sophokles ſpiegelt ſich die innere Harmonie und Schönheit der Seele ab. Der attiſche Zauber ſeiner Sprache vereinigt die lebendige Fülle des Homerus und die ſanfte Pracht des Pindarus mit der durchdachteſten Beſtimmtheit im vollendeten Gliederbau der

‚dichteriſchen Perioden. P dichkanſchen z Fr. Schlegel**)

(*) Geſchichte der Literatur. Mollissimum carmen nennt Ckcero(de finib, bon& mal. V. C. 1.) den Oedipus in Kolonos.