Aufsatz 
Wie sollen wir die klassischen Werke der Alten studieren? Mit besonderer Hinsicht auf Pädagogik
Entstehung
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geblieben ſind; ſo gehen ſie auch durch ihre ſchoͤnen Schriften den Neueren theils vor, theils ſind ſie ihnen ein wuͤrdiger Gegenſtand der Nachahmung. Die Schoͤnheit eines Gedankens beſteht in ſeiner Anſchaulich⸗ keit und Lebhaftigkeit, in der Mannigfaltigkeit und Fuͤlle, die er in ſich ſchließt; in der Erhabenheit einer Idee, wodurch er uns gleichſam eine neue Gedankenwelt eroͤffnet; in der Kraft, die Phantaſie anzuregen, und in ihr ſchoͤne Bilder zu wecken. Die Schoͤnheit der Sprache beſteht in ihrem Reichthum an Worten, verbunden mit dem Wohllaute des Tons, in der Mannigfaltigkeit der Biegungen, in der Leichtigkeit des Ausdrucks und in ihrer Metrik. Wir wollen nach beiden Schoͤnheiten die Werke der Alten be⸗ urtheilen.

Reich an ſchoͤnen, erhabenen, fruchtbaren Gedanken ſind die Werke der Klaſſiker, beſonders der griechiſchen. Wir wollen zuerſt von den Dichtern reden. Und hier gebuͤhrt dem Vater der Dichter, dem alten Homer, die erſte Erwaͤhnung. Sein rein kindlicher Sinn, ſein unbefangenes, fuͤr alle Eindruͤcke und Erſcheinungen der Natur, wie fuͤr alle Geſtalten der Menſch⸗ heit empfaͤngliches Gemuͤth, die Wahrheit und Weisheit, mit welcher er Alles, was er beſingt, zu einem lebendigen Ganzen vereint; der feſte Um⸗ riß im Gemaͤhlde jeder Perſon, die in ſeinen unſterblichen Geſaͤngen auf⸗ tritt; die Muſik in ſeiner Sprache, die wie ein majeſtaͤtiſcher Strom dahin fließt, machen ihn des Namens: Vater der Dichter, wuͤrdig. Der freie Geiſt, mit welchem er Alles ſieht, Alles darſtellt, kann mit Recht verglichen werden mit dem Bilde des Zeus, deſſen Haupt hoch uͤber den Wolken in ewiger Heiterkeit ſtrahlt, waͤhrend zu ſeinen Fuͤßen die Stuͤrme toben, die Wogen branden, und die Wolken voruͤberziehen. Den Hellenen war Homer ein Goͤtterbote des Nationalreichthums. Aus ſeinem nie ver⸗ ſiegenden Quell ſchoͤpften Alle: Staatsmaͤnner, Philoſophen, Kuͤnſtler in