Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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angewandten Schriftformen wollte man offenbar den Streit über die Echtheit der betreffenden Inschriften endgiltig entscheiden. Merkwürdig widerspricht freilich diesem vernünftiger Weise vorauszusetzenden Zweck die Thatsache, dass Hübner, der Verfasser des Gutachtens, als es von Dr. Janssen in der Akademie der W. zu Amsterdam angegriffen worden war, bei der Zurückweisung des ziemlich improvisirten Angriffs erklärte, die Falschheit der Nenniger In- schriften kommeals eine abgemachte Sache hierbei nicht weiter in Betracht; nur weil jene allgemeinen(epigraphisch-paläographischen) Fragen von Interesse seien, sehe er sich zu einer Ent- gegnung veranlasst(p. 83). Ist das wahr, so muss das Interesse an jenen allgemeinen Fragen gewaltig dadurch wachsen, dass ich nach der scheinbar siegreichen Widerlegung Janssens nach- zuweisen vermag, dass alle in Hübner's Gutachten ausgesprochnen Gesetze und Regeln mit einer einzigen Ausnahme falsch sind. Zuvor muss ich aber auf einen merkwürdigen Unterschied zwischen dem Akademiegutachten und der spätern Vertheidigung desselben aufmerksam machen. In dem Gutachten sind von 13 Regeln, die ich zähle, 12 völlig unein- geschränkt ausgesprochen, man müsste grade in der logischen Satzverbindung:Das alte S zeigt nie die in moderner Schrift gewöhnliche Ungleichheit des oberen und unteren Theils, sondern sie pflegen beide gleich zu sein(p. 69), noch eine weitere, übrigens empfehlenswerthe Einschränkung(des nie durchpflegen) erblicken. Solche uneingeschränkte Regeln waren betr. Falls auch nöthig und durch Logik und Vernunft geboten. In der Vertheidigung des Gutachtens hat die Sache aber plötzlich ein ganz anderes Ansehn. Da ist nur die Rede davon, dass sich das Regelmässigeim allgemeinen so verhalte, da kann Hübner selbsteine ganze Reihe regelwidriger Buchstaben anführen, da ist esnichts weniger als auffällig, wenn sich auf 2 Inschriften auch regelwidrige Buch- staben finden u. a. d. A.(vgl. auch S. 7). Was jedoch der Angriff nicht erschütterte, bleibt auch in der Vertheidigung uneingeschränkt stehen, bezw. wird neu aufgestellt. Doch sehen wir, vielleicht lässt sich noch etwas herunter handeln! Eine andere Eigenthümlichkeit der Vertheidigung besteht darin, dass sie, überall wo sie sich, obgleich nur von ferne, in die Enge getrieben glaubt, ihre Zuflucht zum Unbeschreiblichen nimmt. Dann spricht sie von einemsolchen horizontalen apex und so angesetzt p. 94,von solchen steifen Schenkeln und einer solchen Spitze p. 98, u. à. Sie gibt damit zu, dass ihre Wissenschaft zu Ende ist und ihre Autorität anzufangen hat, vgl. auch p. 108. Dasselbe ist der Fall, wo, wie wiederholt geschieht, in Ermangelung von Worten und Gedanken auf Abbildungen verwiesen wird. Dass Ritschl sich in den erwähnten Abhandlungen auf seine Autorität beruft, dass er, weil er nicht will oder kann, die Abbildung sprechen lässt, habe ich. nirgends gefunden. Wenn die Kunst, wo bestimmte Merkmale fehlen, sich auf das Auge des Kunstverständigen beruft, so ist das ein Nothbehelf, und dadurch unterscheidet sie sich eben von der Wissenschaft, und darum blüht auch auf ihrem Felde so sehr die Schwätzerei. Dass man übrigens gar keine Veranlassung hat, sich auf die Autorität und das Auge sogar der ersten Paläographen zu verlassen, habe ich vorstehend genügend nachgewiesen. Um es auch gegen Hübner zu beweisen, führe ich zunächst an, dass seine Abbildung der Nenniger Formen, auf deren Genauigkeit er Janssen gegenüber pocht, ganz ungenau ist, und zwar in jeder Beziehung, und grade den feineren, schwerer durch Worte wiederzugebenden Charakter der Nenniger Steinschrift, die mir in einem Abguss des hiesigen Museums vorliegt, nicht wiedergibt. Falsch ist die Darstellung der Spitze des A, denn sie fehlt überall oder ist ausgebrochen. Falsch ist der 2. Querstrich des F: auf dem Abguss zeigt er ein Dreieck mit graden, nicht geschweiften Seiten, die mehr der modernen Schrift entsprechen; ähnlich verhält es sich mit E. Falsch ist das als besonders belastend benutzte untere Ende des C. Das erste C des Abgusses zeigt unten einen