Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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Noch mehr tritt die Principlosigkeit der Paläographie hervor bei der Besprechung der Marcellus-Inschrift von Nola(Rh. M. XIV p. 140, 141, 284 u. 285). Es ist bemerkenswerth und passt ganz zu der Art, in der auch paläographische Sätze verwerthet werden, dass Mommsen (ebenso Henzen) bei der Untersuchung der Echtheit dieser Inschrift, die er für echt hielt, keinen Anstoss nahm an ganz ungewöhnlichen Abkürzungen, ungewöhnlichem Fehlen gebräuchlicher Zu- sätze und andern auffallenden Mängeln einer Inschrift, die sich als von der Behörde Nolas gesetzt ausgibt, während derselbe seiner Zeit die Nenniger Inschriften, die als von einem Privatmann fern von Rom, sogar fern von Trier, in dessen Landhaus angebracht ausgegeben wurden, aus denselben Gründen für offenbar unecht erklärte, und dabei versichert er selbst, dass die Titel, die Trajan zu ver- schiedenen Zeiten führte, verwickelt gewesen seien, als ob das nicht für den antiken Schreiber die- selben Wirkungen haben könnte wie für den modernen. Die Marcellus-Inschrift also wurde von Remondini für echt erklärt, von Muratori für falsch, von Orelli, Henzen, Mommsen für echt, von Ritschl für falsch, und letzterer wollte dies am sichersten aus den unantiken Formen der M erkennen. Von den vielen gradschenkligen M der Mainzer Steine erwähne ich nur kurz die der ältesten Zeit. Tab. ph. VI d 1: 1203 c. 22 n. Ch. ein sehr langes durchaus parallel- beiniges M; ebd. die 3 von 1182 c. 9 90 n. Ch.; 2 von 1267 aus derselben Zeit, die Schenkel des einen stehen etwas schief; ebd. d 5: 993 aus 192 n. Ch. 6 M darunter das grosse der Z. 1; ebd. d 6: 1000 aus 199 n. Ch.; ebd. d 7: 956 aus 198 n. Ch. 5 M, davon nur das grössere aus Z. 2 ein wenig schief. Auf den Tabb. VI u. VII sind von mehr als 50 Inschriften jedesmal (ausgen. 3 Inschr.) alle auf einem Stein vorkommenden M photographirt, etwa 40 dieser Inschriften zeigen diedem antiken Brauche noch weit mehr widerstrebenden parallelen Schenkel, dasnie und nirgend Ritschl's, neben dem das S. 7 abgedruckte, schwerlich vom Leser bemerkte, und dem ganzen Zusammenhang nach auch nichts bedeutende Hinterthürchen um so weniger in Betracht kommt, als unter den Augen Ritschl's, in Bonn, C. I. R. 479, aus der letzten Hälfte des 1. Jhrhdts., seine 4 M mit parallelen Schenkeln zeigt. Das dem antiken Gebrauch weniger Widerstrebende(nämlich weil? Ritschl Bekannte) habe ich kaum gefunden, so zwar wie auf der Marcellus-Inschr. in einigen Exemplaren, z. B. C. I. R. 1549 aus 223 n. Ch., sonst noch 1525, 1408, Tab. ph. VI d 4: 1026; ebd. d 5: 993. Doch diese M beweisen alle nichts, die der Marc.-I. freilich auch nichts, nämlich gegen die Echtheit. Man erkennt sogleich beim Anblick der Tafel Ritschl's, dass dieser das nicht bis zum Boden Reichen etwas übertrieben hat und Hass der Zeichner oder Steinmetz die Absicht hatte, es richtig zu machen, da er an 2 M, wie man deutlich sieht, mit dem Strich über den Winkel des Zusammentreffens der schiefen Linien hinausgefahren ist. Das erste M ist fast tadellos. Als Nothhelfer gegen die M von XV wird der Zufall in Anspruch genommen. Dass aber aus Zufall die äusseren Schenkel vollkommen parallel werden und die schiefen Linien, ohne dass sie irgendwo überragen, sich fast genau in der Mitte treffen, wie bei XV42, ist ganz unglaublich. Ebenso weiss man nicht, was sich darunter denken lasse, wenn man die Worte hört:Was man jedenfalls als ganz vereinzelte Ausnahme wird müssen gelten lassen(vgl. S. 6). Ich übergehe die Gründe für die Echtheit, die man dem breiten H, den gebognen Schenkeln der A, dem letzten R u. V entnehmen könnte, um mich zum letzten Theil meiner Aufgabe zu wenden.

Ein abschreckendes Beispiel, wie weit man mit dem Mangel an Misstrauen gegen das eigne Gedächtniss und zu viel Vertrauen auf die paläographische Wissenschaft kommen kann, führt uns die Polemik über die in Nennig zu Tag gekommenen Inschriften vor Augen. Durch das in der Berliner Akademie vorgetragene Gutachtenüber die auf den falschen Inschriften von Nennig