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Gehen wir jetzt zu der Betrachtung über, wie sich die Anwendung paläographischer Lehr- sätze in der Praxis gestaltet. Wir müssen dabei gewiss die Ausführungen Ritschl's über zwei falsche Inschriften und das schon erwähnte von Mommsen vorgetragene, von Hübner verfasste, von der Autorität der Berliner Akademie der Wissenschaften getragene Gutachten als in dieser Hinsicht mustergiltig betrachten. In früheren Zeiten begnügte man sich meist mit der kurzen Bemerkung:„die Schrift ist unantik“, und dies wurde dann Männern,„welche so und so viel tausend antike Inschriften gesehen(s. S. 5 oben) und mit eigner Hand copirt hatten“, einfach geglaubt. Im Rh. M. XIV p. 284 ff. jedoch verbreitet sich Ritschl ausführlich über den paläo- graphischen Charakter einer auf eine Schiefertafel eingegrabnen, eine Widmung an die Juno Seispes enthaltenden Inschrift LXI. Es hatte sich herausgestellt, dass dieselbe eine Copie von der eines kleinen Kapellchens war. Um dem philologischen Publikum einen belehrenden Einblick in„unsere Kunst“(wenn nicht die vielen Widersprüche der Kunstverständigen untereinander wären, könnte sie dafür vielleicht noch gelten) zu gewähren, wurde die Unechtheit aus paläogr. Gründen nochmals nachgewiesen. Ohne nun die Rettungen auch fürs Gebiet der Inschriften in Mode bringen zu wollen, muss ich trotz der kräftigen Formel, mit der Ritschl etwaige Schmälerer seines Triumphs über Mommsen abzuschrecken sucht— er redet von einem„Ueberspitzfindigen, der die gleich- mässige Echtheit beider Steine zu behaupten sich in den querköpfigen Sinn kommen liesse“— doch gestehen, dass es mir gar nicht einleuchten will, warum man sich einen solchen Freigelassenen nicht als einen besonderen Verehrer der Himmelskönigin vorstellen darf, der ihr nicht allein bei Lavinium ein Kapellchen baut, sondern auch in ihrem Tempel zu Rom ein Weihgeschenk aufstellt. Dass dann er, sowie die Göttin jedesmal dieselben Namen führen — mehr steht ja nicht auf den beiden Inschriften— würde ich nicht für ein merkwürdiges Zusammentreffen halten, auch wenn man es auf 6 Inschriften läse(vgl. auch P. L. M. E. LXXXVIII, XGD. Ich bin nämlich der S. 7 mitgetheilten Ansicht Mommsens. Jedenfalls wäre ich sehr begierig zu wissen, ob auf irgend einer gefälschten Inschrift die eigenthümlichen welligen app. und ferner so charakteristisch in der letzten Zeile sich finden. Dass man, um sichere Schlüsse ziehen zu können, auch die Arbeiten der Fälscher gesammelt zur Hand haben muss, daran freilich denken die Paläographen nicht; viel einfacher ist, alles, was fremdartig erscheint, kurz modern zu nennen. Beweise dann einmal jemand das Gegentheil! Als Kennzeichen der Fälschung führt Ritschl an 1. die ungewöhnliche Breite mehrerer Buchstaben. Eine solche finden wir aber auch auf andern Inschriften, z. B. XCG pes. in den ersten Zeilen, wenn sich auch hier die Missverhält- nisse grade nicht vorzugsweise an denselben Buchstaben, sondern an M u. N zeigen; ähnlich LXXIIA— man beachte den welligen apex oben an S—; LXXVI, das letzte R Z. 1 hat fast dieselbe cauda wie LXI; warum sie unten gebogen ist, erkennt man an dem E davor. Man be- trachte LXIV Z. 2, das erste P, die R Z. 5, 10, D u. B Z. 8, auch die breiten E. Ueberhaupt finden wir grade in der Zeit, welcher die Inschrift zugehört, oft breite Buchstaben, mitunter mit besonders grossen Köpfen, z. B. R in der letzten Z. LIIIA; B LXIIIB G Z. 2; Z. 1 P. Viele regelmässig gezeichnete R u. B der Tafeln LXII bis etwa LXXIVN haben denselben Charakter wie die auf LXI, wenn auch bessere Verhältnisse. Dieser wird durch nichts anderes bedingt, als einen ausgiebigen Gebrauch des Zirkels, wie bei C. I. R. 990. Grade die Schlinge des R, auch des P erhält dadurch ihr eigenthümliches Aussehn. Sie wurde nämlich oft nicht vermittelst eines halben, sondern ganzen Kreises hergestellt, daher auch die Formen wie die 2 R LXIXA. Wird der Kreis etwas zu gross gemacht oder sein Mittelpunkt zu weit von der hasta gewählt, so entstehen B, D, P, R, deren Bögen durch grade Striche mit der hasta verbunden werden müssen(schön an allen D von LIII4,


