Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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zurückzuführen zu sein, freilich ein wegen des spitzen L und graden M unangenehmer Einfluss. Warum in der Rundungsreihe G fehlt, ist unerklärlich(vgl. S. 25). Ebenso fehlt trotz der Aufnahme des so seltenen runden L die ähnliche, gerundete cauda des R, die nicht umsonst im Verein mit der des Q so häufig in dieser Ausführung(bezw. geschwungen) vorkommt, denn schiefe Linien von links oben nach rechts unten lassen sich am schwierigsten schreiben, daher auch die nicht, wie Ritschl p. 8 meint, willkürliche Verkürzung des archaischen M u. S, vgl. auch V Nr. 11 u. X Nr. 15. Dass es für M, N, V, sogar hie und da für X gerundete Formen gibt, hat Ritschl in seinen P. L. M. E. übersehen, obwohl er doch für die eckigen die in der Vorbemerkung zum Index palaeog. p. 111 etwas auf Seite gestellten Tafeln XIII, XV benutzt. Anderes weniger Wichtige, wie das einfache Problem der kleineren O u. Q u. ä. muss ich hier übergehn, um noch kur⸗z einen siebten und letzten allgemeinen Punkt zu berühren. Der Stein GC. I. R. 923 zeigt eine genaue Nachahmung der Eraschrift(s. S. 10), wohl nicht aus Liebhaberei, eher aus Unwissenheit, deren Einfluss auf die paläographische Gestaltung der Inschriften wir nicht in dem richtigen Mass gewürdigt sehen. Schuld daran ist wohl, dass die heutigen betr. Verhältnisse leicht uns befangen halten. Heute sieht jeder allenthalben die gewöhnlichen Buchstabenformen und durchgängig ganz gleich gebildete, gemalt auf Schildern(statt dessen in früherer Zeit und z. B. noch in Holland Bilder und Zeichen), an Häusern, auf Stein, auf Geld, vor allem auf Papier u. s. W. Anders im Alterthum. Hier traf das Auge auf eine grosse Menge der im Unwesentlichen verschiedensten Formen(vgl. S§. 5). Schon die von der Steinschrift, je nach der grösseren Sorg- falt des Schreibenden wenig oder gar nicht unterschiedene Cursive musste zu arger Vermengung beitragen. Eine richtige Beziehung auf sprachliche Verhältnisse hätte Ritschl auf diese Con- sequenz führen können. Die Schrift angeschlagener Erztafeln war schwer zu lesen. Die Ueber- malung der oft(immer?) mit Stuck überzogenen(die übertünchten Gräber des Evangeliums) Stein- schrift richtete sich gewiss nicht immer nach den eingehauenen Linien z. B. bei P, der cauda von R. So kam eine Vermengung der verschiedenen Eigenthümlichkeiten von Erz, Stein, Cursiv zu stande. Die Formen von A, M, N in Reihe 5 der beigefügten Tafel halte ich für der Erzschrift entlehnte, dort durch Ausfahren bei raschem Eingraben erzeugt; doch könnte man sie auch durch ein Schreiben mit Strichen erklären. Daneben gehen nun bestimmte Liebhabereien z. B. für ge- schwungene Formen mit welligen app. Diese Liebhaberei treffen wir in der frühen republikanischen Zeit und noch in der des Kaisers Probus. Eine andere besteht in Nachahmung der Schrift, mit der man öffentliche Ankündigungen auf die Wände malte(jedenfalls mit plattem, viereckigem Pinsel, fast wie geschrieben!). Nebenbei: durch die Logik des Berliner akademischen Gutachtens und Nissen's erscheint es den Alten seit der Entdeckung Pompejis allerorts verboten, auf eine andere Manier an Wände zu malen! Ein schönes Beispiel letztgenannter Liebhaberei(oder Un- wissenheit?) auf Marmor s. Janssen Musei Lugduno-Batavi Inscc. XXIII 4, vgl. auch Zange- meister a. betr. O. Im Anschluss an das Gesagte kann vielleicht die Frage aufgeworfen werden, ob nicht oft von den Tünchern, die ja den Stein doch nachher nochmals in Behandlung nahmen, die Inschriften aufgeschrieben wurden und nicht von den Steinmetzen, oder auch von den Scriptores, welche naturgemäss die meiste Uebung hatten. Die bekannten Ankündigungen sprechen nicht dagegen, vielleicht dafür, und charakteristisch für die Steinschrift ist ja nur der grade apex, der sich bei sorgfältiger, sauberer Arbeit auch ohne Vorzeichnung einstellt(vgl. noch S. 24). Wenn meine Auffassung der eben behandelten Verhältnisse richtig ist, bedeutet Petron. Sat. 58 lapidarias litt. scire etwas wie Schönschreiben(s. S. 10 unten u. Z Nr. 17).