Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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plötzlich wieder in dem ersten Jahrhundert n. Ch. treffen, erklären. Auf manche Altersbestimmungen könnte ferner die Erwägung des Unterschieds zwischen der Arbeit des Vorschreibenden und Ein- meisselnden und der damit zusammenhängenden Frage der verschiedenen Culturverhältnisse von Einfluss sein..

Es scheint nicht unzweckmässig, auf diesen Punkt hier kurz einzugehen. Jedenfalls musste schon viel mit Dinte geschrieben worden sein, ehe man dazu kam, Haar- und Grundstriche auch auf dem Stein zu verlangen. Dass die Haar- und Grundstriche, die wir auf den späteren Inschriften deutlicher sehen(und die Ritschl ganz vergessen hat), dem Gebrauch der Feder und nicht etwa gewissen Handwerksvortheilen beim Einmeisseln ihr Auftauchen verdanken, ersehen wir weniger an den runden Linien als an der Druckvertheilung bei M, N, A, V. Es ist nun nicht unwahrscheinlich, wenn es sich auch schwer beweisen liesse, dass, als man einmal viel mit der Feder bezw. dem calamus schrieb, auch die Inschriften dem quadratarius auf den Stein, natürlich mit einer breiten Feder, wie man sie auch heute für Holzkisten und Packete hat, ge- schrieben wurden. Die quadratarii der Republik müssen nun die oft mit recht viel Schwung ge- schriebenen Inschriften so getreulich ausgehauen haben wie ihre Collegen der Kaiserzeit die schwierigeren Cursivformen auf den Mainzer Inschriften. Man betrachte einmal in den P. L. M. E. LXVI und man wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass diese Inschrift mit einer breiten Feder geschrieben ist. Gegen Ende könnte dieselbe stumpfer geworden sein, die dritte Seite ist viel dicker geschrieben und in den letzten Zeilen wird es am ärgsten. Durch die dickere Feder und dazu die Ermüdung des Schreibers würde es sich auch ohne Zwang erklären, dass beim ersten N der letzten Zeile der dritte Strich nicht von unten nach oben, wie gewöhnlich, sondern von oben nach unten geführt ist, weswegen er auch oben dick anfängt. Aber nicht allein die Formen dieses, die aller andern Buchstaben erklären sich einfach und natürlich durch die Annahme des Vor- schreibens mit einer Feder, so die geschwungenen Formen der N und M, die Druckverthei- lung vieler 0, die schiefen apices der senkrechten Linien, die oft geschwungenen und meist spitz auslaufenden wagrechten Linien der L und E, das spitze Auslaufen der unteren Krüm- mung des S, verbunden mit dem Fehlen des apex daselbst(das wir ebenso noch auf den spätesten Mainzer Inschriften C. I. R. 1317 u. 1336 Tab. phot. IX sehen, eine anders unerklär- liche Eigenthümlichkeit) u. a. d. A. Aehnliche Beobachtungen kann man an LXXXI machen, wo die Feder nur bei wenig Worten Haar- und Grundstriche zu machen erlaubte; bei LXXVIA dagegen, dessen E und L anders kaum zu erklären wären, wird man der Grösse der Buchstaben wegen eher an ein Vormalen denken, ebenso bei LXXXIXA, dessen S theilweise wieder die oben erwähnte Eigenthümlichkeit zeigen, und noch an manchen andern. Wenn wir nun mit dem Vor- schreiben recht haben, so ist ganz klar, dass je nachdem sich der Steinmetz bequemt oder auch fähig oder, sagen wir: einfältig genug ist, das Vorgeschriebene genau einzumeisseln, je nachdem die Feder besser oder schlechter ist, die Inschrift älter oder zu jung aussieht. Nicht allzu schnell, nach Orten und Zeit verschieden, werden die Steinmetzen sich der neuen Mode gefügt haben. Für sie wäre es vortheilhafter gewesen, wenn die Buchstaben die eckige Form der älteren griechischen Schrift nie aufgegeben hätten, wie umgekehrt den Schreibenden Rundung und Schwung rascher vorwärts bringen. Dass man im alten Rom zu einer bestimmten Zeit anfing, denselben Weg ein- zuschlagen, auf dem wir uns eben beim Schreiben der grossen lateinischen Buchstaben befinden, ist unverkennbar. Man verwandelte nicht allein die wagrechten Linien, von denen eben schon die Rede, sondern auch die senkrechten und schiefen in geschwungene. Die genaueren Nachweise siehe bei den betr. Formen der angefügten Tafel. Erhalten haben sich diese geschwungenen Linien