Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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Nach unsern Ausführungen erklärt es sich sehr einfach und leicht, warum gewöhnlich derepigra- phische Kleinkram und die älteste Zeit(Rh. M. XIV p. 290) seltnere Formen zeigen. Wo keine Gewohnheit entstehen konnte, herrscht natürlich grössere Freiheit. Uebrigens finden sich auch auf Stein gar nicht selten Cursivformen, und zwar so, dass sie das eben Entwickelte vollständig be- stätigen. Wie nämlich die Erztafeln in den oberen Zeilen die sorgfältigen Formen zeigen, so die Steine oft in den unteren Zeilen, auch am Ende der Z. die nachlässigen und cursivähnlichen. Es liegt darin zugleich eine Bestätigung der Angabe Ritschl's, dass die Inschriften auf Stein vorgezeichnet wurden. Ferner ergibt sich daraus mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass die Stein- hauer wohl manchmal die Lapidarschrift nicht kannten, vielleicht auch trotz Buchstabenkenntniss nicht immer lesen konnten, woher sie sich denn sclavisch(vgl. S. 12) an die ihnen vorgeschriebenen Formen hielten, wenn diese auch viel schwieriger als die regelmässigen einzuhauen waren.

Dass man, was Schönheit und regelmässige Vertheilung der Inschrift auf dem Stein anlangt, in vielen Fällen von einer heute undenkbaren Anspruchslosigkeit im Alterthum war, geht aus ver- schiedenen Umständen hervor, aus denen man vielleicht auch schliessen könnte, dass die Steinmetzen nicht immer auch die Schreiber der Inschriften waren, sowie dass viele Inschriften nicht in der officina eines quadratarius(B. J. XLVI p. 86) verfertigt wurden. So sind Trennungen wie die folgenden durchaus nicht selten: C. I. R. 916 DEO ME-RCVRIO ebenso 931; 955 ist gar nur einem Deo Mer gewidmet, wie es auch die Göttin Jun mehrfach sich bieten lassen muss. 1155 1. O. CASTRIC-IVS, 1159 1 MAX-RCI, 1161 VERV-S, 1166 TE-RTIVS, 1177 SECV-NDVS ein Stein mit grossen, regelmässigen Buchstaben, 1201 STIPE-NDIORVM, 1209 2 C0-RDl, 1220 L. VALERIV-S, 1312 C0-NCESSVS. Auf dem schön und regelm. gearbeiteten 2058 1 CATTONIV-S 2 SECVND-VS, 1788 8-ALVTE, 1800 FPL-AVIVS, 1836 H-IBERNVS, 2073 DEO. M-ERCVRIO und so 956, 6; 888, 3 Altar mit sehr schöner Schrift; 1000, 2; 1024, 6; 1284, 7; 1310, 8 u. s. w. (Es ist ganz unverständlich, dass trotz seiner Annahme eines Normal-Quadratarius Hübner in den Monatsb. d. Berl. Akad. 1868 p. 63 an der Trennung ba-Ineum Anstoss nimmt.) Andere Schreiber dagegen bestreben sich, die Namen nicht zu trennen und einige Symmetrie zum Ausdruck zu bringen, so auf den Steinen 954 961, 982, 983, 995, 1000 u. a. Weitere hier in Betracht kom- mende Eigenthümlichkeiten sind die, dass sich oft in den letzten Zeilen die Ligaturen häufen, z. B. 834, 1883 u. a., dass ebd. oft unnöthig gross und weit geschrieben ist und bedeutungslose, allgemein verständliche Formeln ausgeschrieben sind, während in den oberen Zeilen wichtige Worte abgekürzt werden, z. B. 860, 1169, 1198, 1290, 1315, 1318, 1327 u. v. a. Oft reicht aber umgekehrt unten der Raum nicht mehr, z. B. 500, 839, 1575 u. a. Doch überlassen wir dies den Epigraphikern. Sie mögen feststellen, wie sich im Allgemeinen und Einzelnen der Schreiber zum Einhauenden verhält. Hier genügt es, kurz auf die Sorglosigkeit des Alterthums hingewiesen zu haben.

Wir wenden uns jetzt zum Nachweis cursivähnlicher und nachlässiger Formen neben regel- mässigen auf Stein, indem wir einige besonders schlagende Beispiele herausheben. C. I. R. 1198 c. 22 n. Ch. hat schöne und elegante Schrift, die aber so grosse Verschiedenheiten zeigt, dass sie auf zwei Steine vertheilt Anlass zu verschiedener Altersbestimmung gäbe. Ein C hat sorgfältig am oberen und unteren Theil einen aper, ein anderes läuft unten spitz aus(vgl. Tab. phot. II d 3); von den 7 E ist eins breit und regelmässig, als gehörte es der Zeit Trajans an, die andern sind viel schmäler und kürzen etwas den untern Querstrich, 3 E, bezw. F zeigen die kurzen schief nach oben gebogenen Striche der Cursivschrift Tab. phot. III s 6; von den 3 T zeigen 2