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ist, auch ganz abgesehn von den obigen Ausführungen, nicht anders als wie Steinschrift zu betrachten. In dieser Zeit entstehen„Graffite“ auf Stein schon dann, wenn der Steinhauer die ihm vorgeschrie- benen Buchstaben nicht tief genug, sondern flach und schmal einmeisselt. Sein Werk erhält dadurch das Ansehn einer Schrift statt einer Inschrift, an welcher Aeusserlichkeit der Schreiber der Buch- staben, von dem doch deren Form im Wesentlichen abhängt, unschuldig ist. Warum dann solche „Graffite auf Stein“ für Steinschrift nichts beweisen sollen(vgl. Rh. M. XIV p. 141 Anm.), lässt sich wie manches Andere mehr aus dem Bedürfniss der Paläographen als dem der Wissenschaft erklären.
Also auch Stein und Metall setzen der„individuellsten Mannigfaltigkeit“ keine Grenzen, sobald der Vorzeichner seiner Individualität oder Nachlässigkeit keine Grenzen setzt. Ein ganz über- zeugendes Beispiel durchaus verschiedener und mitunter recht nachlässiger Vorzeichnung, die bald schmale und elegante Formen der Kaiserzeit mit dünnen Strichen, bald breite und kräftige der republikanischen, bald rohe und fast eckige(8) der Urzeit liefert, bietet P. L. M. E. LXXXI, auch LXVI. Da es für die meisten Fälle unmöglich ist, in jetziger Zeit festzustellen, ob in der alten ein Vorzeichner sorgfältiger oder nachlässiger vorgezeichnet hat, wodurch dann der gewöhnlichen Steinschrift entsprechende oder auch davon ganz abweichende Formen(vgl. die P auf LXXXII) entstehen, wird mit Ritschl's gewiss richtiger Annahme einer Vorzeichnung auf Stein und dem Nachweis des Vorkommens fast aller Buchstabenformen der Jetztzeit auch im Alterthum, und derer der archaischen Periode in der Vulgärschrift aller Perioden wiederum das ganze Gebäude der Paläographie in seinen Grundfesten erschüttert. Um Missverständniss vorzubeugen be- merke ich, dass ich natürlich nicht behaupte: das Material äussert nie und unter keinen Um- ständen einen Einfluss. Dies wäre zu weit gegangen. In der Urzeit und derselben entsprechenden also rohen Verhältnissen, überhaupt überall, wo es keine Mode oder Gewohnheit gibt, äussert das Material immer einen vorwiegenden Einfluss, und so schen wir noch heute unsere Flösser mit ihren Beilen die rautenförmigen O der pisaurischen Steine und der griechischen Urzeit herstellen, so dass nur die Vergänglichkeit des Holzes uns über das Kopfzerbrechen tröstet, das diese O gelehrten Paläographen des 44. Jahrhunderts bereiten könnten.
Allerdings ist noch zu erklären, woher es kommt, dass die Erztafeln oft bestimmte Eigen- thümlichkeiten zeigen und dass die Steinschrift nicht häufiger die unregelmässigen Formen der Vulgär- schrift(ich nenne sie lieber Cursiv und verstehe darunter die von Zangemeister so bezeichneten und ihnen nahestehende Formen). Der Grund liegt vorwiegend in dem Unterschied der für die Oeffentlichkeit bestimmten und der blos privaten Schriften. In der ältesten Zeit gibt es natürlich keinen Unterschied, er entsteht erst durch häufigere Anwendung. Es bildet sich eine Vorstellung von einer für die Oeffentlichkeit ziemenden Form und Herstellung der Inschriften aus. Wo man aber recht viel zu schreiben hat, erlahmt auch die Sorgfalt, und die Bequemlichkeit tritt in ihr Recht. Eben die Bequemlichkeit und durch das Vielschreiben fixirte Eigenthümlichkeiten d. h. also erzeugte Gewohnheiten sind Ursache, dass oft die Erztafeln, die ja meist die längsten Inschriften enthalten, sich durch Besonderheiten auszeichnen. Diese Besonderheiten betreffen aber nicht wesentliche Bestandtheile der Buchstaben, sie äussern sich in fehlender Verbindung der Linien, besonders auffallend bei B, D, 0, Q, im Fehlen der apices, in spitzem Aus- laufen und oft grosser Verkürzung der wagrechten Linien bei L, E, F, T. Sehr oft aber ent- sprechen auch auf Erz die grösseren Buchstaben der ersten Zeile vollständig denen der Lapidar- schrift; auch gibt es Erztafeln, deren Formen insgesammt, mit Einschluss der apices, sich einer herrschenden Mode, wie sie auf Stein zum Ausdruck kommt, anschliessen, z. B. P. L. M. E. XXXV.


