Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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Abstufung des Analogen herantritt an das Vorkommende, das hat keinen Anspruch auf Glaub- würdigkeit, auch dem den vorkommenden Formen Analogen(unter Umständen?) die Glaubwürdig- keit nicht abspricht, womit freilich bei der Einfachheit der Formen, um die es sich handelt, die ganze Paläographie in Frage gestellt ist. Ritschl ist jedoch andrer Ansicht über die Resultate derselben, er schreibt Rh. M. XXVI p. 5:Nicht grösser ist ja die Sicherheit, mit welcher der Paläograph eine Handschrift dem 9. oder 12. oder 15. Jahrhundert n. Ch. zuschreibt, als mit der eine Inschrift vom Epigraphiker in das 6. Jahrhundert d. St. oder in die sullanische Periode oder in nachaugusteische Zeiten gesetzt wird. Wer erkennt nicht auf den ersten Blick die Unmög- lichkeit, dass..... Wer nicht wenigstens auf den zweiten oder dritten, dass weder die Baseler Schiefertafel....., noch der Nolanische Ehrentitulus des M. Marcellus überhaupt antik sind? Hiermit hat er aber die denkbar schlechtesten Beispiele zum Beleg der Richtigkeit seiner Ansicht beigebracht, denn nicht viele Jahre vorher hat kein geringerer Epigraphiker als Mommsen die Baseler Tafel und den Nolanischen Stein für antik gehalten, ja bezüglich der Formen der ersten gemeint,es sei nicht der mindeste Grund, diese Buchstabenform einer modernen Fälschung beizumessen,wegen der Schrift werde man eher für als gegen die Echtheit sich entscheiden, und Ritschl selbst hat im Rh. M. XIV p. 140 ff., 286 ff. mehr als 10 Seiten aufzuwenden für gut befunden, um ihn mit paläographischen Einwänden(deren Unrichtigkeit siehe S. 19 ff.), von seiner Ansicht abzubringen. Ebd. p. 287 erwähnt er auch, dass er in Bezug auf die Schrift des Steins von Furfo I. R. N. 6011beim besten Willen nicht das sehen könne, was Mommsen sieht. Was soll ein unbetheiligter Dritter vom Stand einer solchen Wissenschaft halten, deren erste Ver- treter über das, was man auf den zweiten Blick sehn kann, sich im Gegensatz befinden? Wenn nicht einmal die Autoritäten, die Hunderte von Inschriften mit Kennerblick durchforscht haben, in einigen der wenigen Fälle, wo ein Zwiespalt möglich ist, in ihrem Urtheil übereinstimmen, wie kann man da von Ergebnissen einer Wissenschaft sprechen! Die angeführten Beispiele sind übrigens keineswegs die einzigen von Zwiespalt grade der höchsten Autoritäten. Und wo nun Ritschl a. a. O. Mommsen die modernen Eigenthümlichkeiten nachweisen will, sieht er sie zuerst in einer Eigenthümlichkeit, die durchaus nicht modern ist(in den nicht bis zum Boden reichenden Mittelstrichen des M(vgl. S. 5), und schreibt einige Wochen nachher, er habe die Hauptsache vergessen, nämlich die parallelen Beine des M, wasdem antiken Brauche noch weit mehr wider- strebend sei. Abgesehen von einigen wenigen Beispielen der älteren Zeit gebees auf allen Hunderten von Steininschriften, die in Abdrücken vorlägen, ein Beispiel eines parallelbeinigen M nie und nirgend(es handelt sich um eine Inschrift der Kaiserzeit!) mit einziger Ausnahme des streitigen Steines. Nun kommt grade diesesdem antiken Brauche weit mehr Widerstrebende nichtnie und nirgend, sondern sehr häufig vor(vgl. Tab. phot. VI, VII), die andere Eigenthüm- lichkeit in der Kaiserzeit, um die es sich handelt, sehr selten. Noch merkwürdiger ist gewiss: In einer Abhandlung, wo Hübner sich auf Ritschl beruft und sogar dessennie und nirgend abdruckt(Bonner Jahrb. XLVI p. 97, 98), schreibt er p. 95: parallelbeinige Mkommen in nach- trajanischer Zeit immer häufiger vor, und nennt noch viel regelwidrigere M(p. 92, 4, 5, 6) als die von Ritschl verurtheilten(p. 95)ganz unverdächtige, jedem Epigraphiker geläufige Formen (p. 96) mitunverkennbarem, ächt antikem Ductus, und behauptet auf derselben p.:Dergleichen Ungleichheiten der Ausführung sind auf allen längeren Inschriften aus zahllosen Beispielen bekannt. Man muss angesichts dieser Proben zugestehn, dass Ritschl recht hat, wenn er bezüg- lich jener abweichenden Ansicht Mommsens(Rh. M. XIV p. 286) schreibt:Ich hatte im Laufe der Zeit, gerade nur auf allgemeinen Schriftcharakter oder einzelne Buchstabenformen gestützt, so