Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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auch übersehen, bezw. sich nicht zum Muster genommen haben. Dass freilich allzuvieles auch hier noch Hypothese bleibt, sehen wir später. Dennoch scheint mir die Möglichkeit, aus den seltneren und blos antiken Formen auf Echtheit zu schliessen, die einzige positive Seite der Paläographie zu sein. Wenigstens dürfte(vgl. die Aeusserung Mommsen's S. 7) eine Zusammenstellung dieser Formen in ihrer Mannigfaltigkeit die Epigraphiker vor übereilten Behauptungen bewahren. Be- merkenswerth ist, dass dieselben Eigenthümlichkeiten, die schon in den ersten Jahrzehnten des 6. Jahrhunderts d. St., die auf den Grabgefässen von San Cesario P. L. M. E. XV, sowie den pompejanischen Inschriften ebd. XVI, XVII uns begegnen(vgl. S. 9), wie überhaupt fast alle Formen der republikanischen Zeit noch auf den späten rheinischen Steinen gefunden werden. Ich gebe zu den Formen der beigefügten Tafel die Nachweise aus den P. L. M. E., Tab. Phot. und, wo das C. I. R. Anhaltspunkte liefert, aus diesem.

Ein zweiter allgemeiner Punkt ist durch folgende Worte Ritschl's(Rh. M. XXIV p. 2) gegeben:So ohne weiteres gleichsam von der Oberfläche abzuschöpfen ist nun freilich das Bild eines gesetzmässigen, successiven Fortschritts innerhalb der lateinischen Schriftgestaltung keines- wegs; die erste oberflächliche Betrachtung kann vielmehr denjenigen, der sich nicht mit andauernder Liebe in dieses Gebiet versenkt hat, leicht zu der Auffassung verführen, dass in einer und der- selben Zeitperiode die verschiedensten Buchstabenformen in bunter Mischung durcheinander gegangen seien, somit von einem massgebenden Princip gar nicht die Rede sein könne....... Es kommt eben überall darauf an, über dem Gewirr von versprengten Vorläufern, Zwischenläufern, Nachläufern, von gelegentlichen Seitensprüngen, Streifzügen und Stillständen um im Bilde zu sprechen nicht die einheitliche Marschroute des Kerns der Hauptarmee zu verkennen. P. 3.Alle diese Erscheinungen kehren nun genau so, wie in der Sprache, auch in der Schrift wieder, bestätigen aber auch hier nur den Satz, dassexrceptio non tollit regulam.

Dagegen lässt sich natürlich nichts einwenden. Was bleibt aber unter diesen Umständen von der ganzen paläographischen Wissenschaft übrig, als etwa der einzige Punkt, dass man mit ihrer Hilfe die Inschriften des 7. und der späteren Jahrhunderte von denen der früheren unterscheiden kann(vgl. ebd. p. 3), was ohne sie meist ebenso geht! Und grade da, wo eine genauere Zeit- bestimmung erwünscht wäre, im 7. Jahrhundert, können wir mit der Paläographie so viel rathen, wie ohne sie Dank der Lehre von den versprengten Vorläufern, den Zwischen- und Nachläufern. Anders wäre das freilich, wenn die Vorläufer ohne Nachkommen und die Nachläufer ohne Eltern denkbar, und wenn nicht an zwei, drei, sondern an den meisten Buchstaben wesentliche Gestalt- veränderungen zu beachten wären. So aber kann die Paläographie kaum ihr Dasein rechtfertigen, da sie eine brauchbare Hilfswissenschaft nicht ist. Für die Beurtheilung der Echtheit verliert sie vollends durch die Ausführungen Ritschl's ihre Bedeutung. Denn haben wir einmal eine Aus- nahme(worunter oft nicht eine einmal vorkommende, sondern eine nur auf einer Inschrift mehr- mals auftretende Form zu verstehen ist), so spricht in zweifelhaften Fällen ebenso viel für als gegen die Annahme einer zweiten, ja sogar mehr für dieselbe. Denn, da die Paläographie auf die Macht der Gewohnheit gegründet ist, müssen wir bei einer abweichenden Form eher an eine abweichende Gewohnheit oder Mode denken, von der uns nur ein oder zwei Zeugen vorliegen, als an eine Aus- nahme. Doch mag man dem beistimmen oder nicht, so viel ist sicher: mit dem einmaligen Vor- kommen einer Form ist, wenn nicht ganz besondere Verhältnisse vorliegen, die Schranke, welche die unwahrscheinliche Ausnahme von der wahrscheinlichen Regel trennt, niedergerissen. Ritschl macht sogar ein noch viel weitergehendes Zugeständniss in diesem Punkt, indem er Rh. M. XIV. p. 289 mit den Worten:was eben nie und nirgend vorkommt, und auch nicht in annähernder