Aufsatz 
Die Paläographie als Wissenschaft und die Inschriften des Mainzer Museums / von Moritz Munier
Entstehung
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wie auch Streitigkeiten der bedeutendsten Autoritäten uns daran erinnern, dass wir es hier oft mehr mit Kunst als mit Wissenschaft zu thun haben. Die Grundlage all dieser Disciplinen ist der durch Erfahrung bestätigte psychologische Satz, dass jede Form nach der Häufigkeit ihrer Wiederkehr sich dem Gedächtniss einprägt und dem entsprechend zur Verwendung kommt, worauf dann weiter die Macht der Gewohnheit gegründet ist, welche die Anwendung neuer Formen ver- hindert, soweit natürlich die Neuheit nicht grade beabsichtigt ist, wie auf dem Gebiet der Kunst. Abgesehen nun davon, dass das Auftreten neuer Moden bei der Buchstabengestaltung, z. B. der breiten trajanischen Buchstaben, die Sicherheit der ganzen Grundlage der Paläographie erschüttert, ist gleich hier noch ein Punkt zu erwähnen, der auch nach andrer Richtung nicht ohne Interesse ist.

Durch ein einfaches Experiment kann man sich leicht überzeugen, dass die Macht der Gewohn- heit gar nicht uneingeschränkt für alle Formen in Anspruch genommen werden kann. Man lasse einen Unbefangenen ein M zeichnen und es wird so ausfallen, wie er es nie oder nur sehr selten gesehn hat. Alle Druckschrift(ausgenommen Inschriftendruck in manchen philologischen und antiquarischen Werken und vielleicht hie und da eine Zierschrift), die Schrift auf Schildern und Häusern zeigt M, dessen zwei mittlere Striche bis unten auf die Zeile herabgehn. So oft aber jemand, dessen Geschäft es nicht ist, ein M zeichnet, wird er die Mittelstriche nicht auf den Boden reichen lassen, und wenn er das Regelmässige tausendmal gesehen hätte. Aehnlich wird es im Alterthum gewesen sein, wie wir an den M des Papyrus von Herculanum sehen. Einen deutschen grossen Buchstaben wird der Hundertste gar nicht zeichnen können, mag er ihn auch viele Jahre lang gelesen haben, woraus nebenbei hervorgeht, dass mit der complicirteren Form der deutschen Buchstaben noch nicht ohne weiteres ein schwierigeres Lesen gegeben ist. Wir ersehen aus solchen Experimenten, dass gewisse Theile der Buchstaben(von anderen Formen z. B. der Kunst gilt sicherlich dasselbe) sich dem Gedächtniss fester einprügen, so dass man zwischen wesentlichen und unwesentlichen Bestandtheilen derselben unterscheiden muss. Dieser Unterschied gilt natürlich auch für das Alterthum. Hübner scheint ihn ebenfalls anzunehmen, wo er in der oben 8. 3 erwähnten Vertheidigung p. 85 davon spricht, dassbei aller individueller Verschiedenheit der Schrift ihre Formen im ganzen aus hunderten von Beispielen feststehen, und p. 87, dass man ein A und ein E, ein M und ein R u. s. f. an den Säulen des Hercules und am Euphrat u. 8. w- in einer und derselben Epoche der römischen Kaiserzeit und in demselben Material in wesentlich ganz gleicher Weise schrieb und malte oder meisselte. Doch verwerthet er diese Unterscheidung keineswegs, sondern legt umgekehrt in der ganzen Abhandlung grosses Gewicht auf, wie ich später zeige, durchaus unwesentliche Bestandtheile.

Für die Schrift des Alterthums kommen nun noch bedeutend mehr unwesentliche Theile als für die heutige in Betracht, da die im Alterthum gebräuchlichen Buchstaben eine grössere Mannigfaltigkeit der Formen zeigen. Während sich aber jene den modernen Buchstaben ähnlichen Formen nicht zu einem Beweis der Unechtheit einer Inschrift benutzen lassen, da sie auch im Alterthum vorkommen, lassen sich umgekehrt die den modernen Formen unähnlichen antiken zu einem Beweis der Echtheit verwerthen, wenn nicht ganz besondere Verhältnisse dies verbieten, so z. B. die Auffindung einer Inschrift in der Zeit der Renaissance, wo mandie feineren Stilgesetze der antiken Schrift sogar in Druckwerken beobachtet sieht. Freilich könnte man einwenden, einem Fälscher sei die Nach- ahmung der antiken Formen ja nicht unmöglich. Gewiss, wenn jedoch ein solcher überhaupt einmal auf den Unterschied der antiken und modernen Schrift aufmerksam ist, wird seine Arbeit vom paläographischen Gesichtspunkt aus keinen Anstoss geben(vgl. P. L. M. E. LXXXVI E). Hat er aber etwa doch oberflächlich betrachtet, so wird er sicher die antiken Ausnahmen und Kleinigkeiten