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Erscheinungen nur wenig oder gar nicht hinausgekommen. Vergebens suchen wir hier klar und consequent durchgeführte Prinzipien; über die elementarsten Grundsätze und die allgemeinsten Punkte liegen die merkwürdigsten Widersprüche der ersten Vertreter der neuen J'isciplin vor. Wo einmal ein richtiger und fruchtreicher Gedanke ausgesprochen ist, erscheint er uns nur so weit verfolgt, als er bereits gezogene Kreise nicht zu stören droht. Einzelne, etwa für die Epigraphik werthvolle Ergebnisse sind nicht durch, sondern gegen die Paläographie gewonnen. Speziell das schon erwähnte, in der Berliner Akademie vorgetragene Gutachten ist mit einer seltenen Unkenntniss der thatsächlichen Verhältnisse, auf die es in den bezüglichen Fragen ankommt, oder vielleicht richtiger mit einer seltenen wissenschaftlichen Sorglosigkeit abgefasst, kurz: die paläographische Wissenschaft ist über ihren früheren Stand, über eine auf die zufällige Erfahrung der betreffenden Gelehrten gestützte, mit allerlei citatenhaftem Beiwerk ausgestattete, beschränkte Empirie nicht hinausgekommen.
Es ist klar, dass ich diese Behauptungen, die eine scharfe Kritik der Leistungen so angesehener Gelehrten, der ersten Vertreter ihres Faches, enthalten, nicht mit einer kurzen Aufzählung und Erklärung dessen, was ich gefunden, wenn es auch mir noch so einfach und selbstverständlich erscheint, beweisen darf, sondern, so wenig erquicklich es ist, ins Einzelne und die anscheinend geringfügigsten Kleinigkeiten eingehen muss, sobald die Ausführungen der betr. Gelehrten dahin weisen. Andernfalls würde ich nicht leicht den nahe liegenden Vorwurf leichtfertiger und frivoler Urtheile abwehren können. Ebenso muss ich auch auf die Grundlagen und Principien der Paläo- graphie eingehen, die wir trotz ihrer Einfachheit in den concreten Fällen wiederholt verleugnet sehen.
Dass die in den letzten Jahrzehnten aufgestellten paläographischen Lehrsätze weniger genau zu nehmen seien, da sie mit Ausnahme der oben erwähnten Abhandlung Ritschl's sämmtlich gelegentlich der Meinungsverschiedenheit über die Echtheit gewisser Inschriften aufgestellt wurden, möchte ich nicht gelten lassen. Man würde damit den betheiligten Gelehrten sagen, ihre Wissen- schafft sei grade in zweifelhaften Fällen, wo man sie am nôöthigsten brauche, am wenigsten ver- lässlich. Uebrigens wäre damit auch nicht die Nothwendigkeit einer Kritik verneint, denn es ist vorauszusetzen und liesse sich leicht erweisen, dass bei dem grossen Ansehen dieser Gelehrten ihre Aussprüche, seien sie genau oder weniger genau genommen, als sichere Ergebnisse der Wissenschaft selbst gelten, so lange ihnen nicht widersprochen wird. Stillschweigend geschah dies schon durch eine Veröffentlichung, welche das Ergebniss meiner Nachforschungen in den Inschriften des Mainzer Museums enthält. Sie hat den Titel: Tabulae photographae XI, materiam palaeographicam aetatis imperatoriae exhibentes. Mainz 1873. Eine Erklärung des in den Tafeln enthaltenen Materials fügte ich, um sie nicht unverkäuflich zu machen, nicht bei, und so bin ich jetzt in der günstigen Lage, auf sie als auf durchaus zuverlässige Abbildungen verweisen zu können, da sie, wenn auch wohl im Buchhandel nicht mehr vorhanden, doch gewiss aus grösseren Bibliotheken erhältlich sind Der ihnen beigegebene kurze Text gibt über ihre Bezeichnungen, ihre Herstellung, über Echtheit, Zeit und Erhaltung der benutzten Inschriften Auskunft. Wir wenden uns nun zunächst den all- gemeinen Fragen zu.
Das Princip, von dem die Paläographie ausgeht, hat sie mit der Kunstforschung, Alterthums- wissenschaft, mit der Culturgeschichte gemein, welche alle aus einer bestimmten Verzierung, Linie, Form, Technik, einem bestimmten Grundriss, Motiv oder Plan auf bestimmte Künstler, Kunst- schulen, Völker und Perioden schliessen. Obgleich dieses in vielen Fällen mit grosser Sicherheit geschieht, nehmen daneben viele nicht auf festere Grundlagen gestützte Ausführungen dieser Wissen- schaften doch nur als geistreiche Vermuthungen oder Hypothesen unser Interesse in Anspruch,


