DIE PALAOGRAPHIE ALS WISSENSCHAFT
UND DIE INSCHRIFTEN DES MAINZER MUSEUMS. Ats. vo¼ 4 8* 5 ₰ DE MORITZ MUNIER. 3„ . —— G.
Durch Zufall wurde ich Zeuge, welchen Eindruck der Gedanke, es könne ein in einer Sitzung der Berliner Akademie der Wissenschaften aufgestellter, ohne jeden Widerspruch der versammelten Gelehrten entgegengenommener Satz doch irrig sein, auf einen Collegen dieser Herren aus- übte. Ich war nämlich grade in der Lage, ihm ein Beweisstück vor Augen zu halten, das einen solchen Gedanken sehr nahe legte. Sein ausserordentliches Erstaunen, seine Geneigtheit, eher eine Täuschung der eignen Sinne als die Möglichkeit anzunehmen, dass eine von Vertretern der kritischen Wissenschaft ausgesprochene Wahrheit falsch sei, übte keinen geringen Reiz auf mich und trieb mich an, in den reichen Inschriftschätzen des Mainzer Museums Umschau nach wei- teren Belegen für die Unrichtigkeit jenes in der Akademiesitzung aufgestellten Satzes zu suchen. Ueberraschend war die Zahl der Belege, die ich fand nicht allein zur Entkräftung des einen, sondern auch, kaum einen Punkt ausgenommen, aller andern dort verkündeten Lehren, und so sah ich mich unversehens auf ein sonst entlegenes Gebiet der wissenschaftlichen Beschäftigung geführt, auf das Gebiet der Paläographie, mit der man sich in jener Akademiesitzung befasst hatte.
Die damals(Gesammtsitzung der Berliner Akademie der Wissenschaften vom 31. Januar 1867) ausgesprochenen Sätze waren als das Ergebniss der Wissenschaft mit dem Anspruch der Allgemein- giltigkeit aufgestellt und in einer späteren Vertheidigung gegen eine Kritik derselben(Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande, Heft XLVI, Bonn 1869, p. 81 ff.) war gesagt, dass im Falle der Begründung dieser Kritik„die Grundsätze epigraphischen Wissens über- haupt in Frage gestellt würden“. Auch war in dieser Vertheidigung auf eine dieselben Fragen behandelnde und entscheidende Abhandlung eines der ersten Epigraphiker, Ritschl's(Rhein. Mus. XXIV p. 1— 32), verwiesen. An der Hand der Monumente aber kam ich zu einem andern Ein- druck von dieser paläographischen Wissenschaft als an der Hand dieser ersten Autoritäten, und eine genauere Kenntnissnahme ihrer in den genannten Publikationen ausgesprochenen Sätze und Hypothesen führte mich zu dem Ergebniss, dass von einer Wissenschaft der Paläographie, soweit sie sich auf Inschriften erstreckt, noch nicht geredet werden könne. Die ganze Behandlung dieser paläographischen Fragen nämlich ist über ein äusserliches Aneinanderreihen und Mustern der
Anmerkung. Die lateinischen Ziffern beziehen sich auf Ritschl P. L. M. E., die arabischen auf Brambach C. I. R. Auf die Seiten dieser Schrift selbst ist mit S., auf die der angeführten Abhandlungen im Rh. M., den B. J. u. s. w. mit p. verwiesen. In den Belegen zur beigefügten Tafel sind die Inschriften der P. L. M. E. von denen des C. I. R. dadurch zu unterscheiden, dass sich ihre Zahlen nur zwischen 1— 98 bewegen, während das C. I. R. erst von 100 an citirt wird. Unter Nr. ist eine Reihe der zugef. Tafel zu verstehen.


