Aufsatz 
Die Vulkane Deutsch-Ostafrikas : ihr orographischer Bau und ihre Beziehungen zur Tektonik des ostafrikanischen Hochplateaus / von L. Mues
Entstehung
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überwältigen vermochten und ſich in ſeitlichen Ausbrüchen Luft machten. Nachdem an den Berghängen ſchon eine Reihe von Schmarotzerkegeln entſtanden war, konzentrierte ſich die geſamte vulkaniſche Kraft auf eine nach Weſten hin verlaufende Spalte und türmte hier den Rieſen kegel des Kibo auf, der nach einer Reihe von Ausbrüchen ſeinem älteren Zwillingsbruder, deſſen trotziges Haupt ſich damals ohne Zweifel zu einer viel bedeutenderen Höhe als heute erhoben hat, an Höhe gleichkam. Auch für den zu jener Zeit noch bis zur Spitze intakten Kibokegel können wir eine Höhe annehmen, welche die heutige jeden falls um etwa 500 m übertroffen hat. Bei gelegentlichen Ausbrüchen vollzog dieſer nun durch Schlammſtröme und Wolkenbrüche an dem älteren Mawenſi ein furchtbares Zerſtörungswerk. Daher auch die ausgedehnten Schlammfelder auf dem Sattelplateau und am Fuße des Gebirges. Dabei ſcheinen die Ausbrüche des Kibo ebenſowenig wie die des Mawenſi von beſonderer Heftigkeit geweſen zu ſein, denn nirgends zeigen ſich im vulkaniſchen Aufbau des Gebirges ſchwerere Störungen, nirgends haben in der Ebene die Lava- und Aſchenfelder eine beſonders breite Ausdehnung genommen. Gleichmäßig quollen die Laven über den Rand des Kraters empor, legten abwechſelnd mit Trümmergeſteinen Schicht auf Schicht, ſodaß das Gebirge ſeinen heutigen terraſſenartigen Aufbau erhielt. Nur dann müſſen wir für den Kibo ein gewaltſames Losbrechen koloſſal geſpannter innerer Kräfte voraus⸗ ſetzen, wenn wir annehmen, daß bei einer beſonders heftigen Exploſion, nachdem der Vulkanismus längere Zeit nicht im Stande geweſen war, das Gewicht des Berges zu überwinden, infolge der ungeheuren Druck zunahme die ganze Bergesſpitze in die Luft geblaſen ſei. Die zahl reichen und zum Teil umfangreichen Felstrümmer in der Nähe des Kibo laſſen eine derartige Annahme nicht unwahrſcheinlich erſcheinen. Einfacher aber iſt es immerhin, das Verſchwinden der Spitze durch Einbruch zu erklären. Dieſer Einbruch dürfte gleichzeitig mit dem Entſtehen der weſtlichen Spalte und der Aufwerfung des Schira⸗ kammes erfolgt ſein. Die Dämpfe hätten alsdann die ungeheure Höhe des Kibo nicht mehr überwinden können und ſich ſeitlich Luft gemacht. Damit hätten dann auch ſeine großen Lavagüſſe ein Ende gehabt.

Im Innern des Einbruchskeſſels ſchütteten nun folgende Erup⸗ tionen den flachen Aſchenkegel auf; auf der Spalte aber, die zum Mawenſi hin verläuft, entſtanden drei Aſchenkegel, die wohl als letzte Bethätigung Piltanijcher Kräfte in den oberen Regionen des Kilima⸗ Ndſcharo anzuſehen ſind. In den niederen Hängen aber und am Bergfuß entſtand nach und nach eine Reihe kleinere Dome, die durch Gipfelſpalten kleinere Lavaſtröme entſendet haben. Durch regelmäßig eintretende Schneeſchmelzen entſandte der Hauptkrater noch ab und zu Schlammſtröme, welche die weſtliche Spalte allmählich zu einer un⸗ geheuren Kluft erweiterten. Froſt und Hitze, Regen und Wind werden am Kibo im Lauf der Jahrtauſende dasſelbe Zerſtörungswerk voll⸗ bringen wie am Mawenſi, auch ſein Geſtein wird ihrem ſtändigen Nagen nicht zu widerſtehen vermögen. Seine vulkaniſche Thätigkeit iſt völlig erloſchen, auch Fumarolen wurden von Meyer nicht mehr wahrgenommen.