Aufsatz 
Die Vulkane Deutsch-Ostafrikas : ihr orographischer Bau und ihre Beziehungen zur Tektonik des ostafrikanischen Hochplateaus / von L. Mues
Entstehung
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Taweta ſtoßen beide Routen zuſammen. Der metamorphiſche Boden wird verlaſſen und Lavadecken von ungeheurer Ausdehnung deuten die Nähe bedeutender vulkaniſcher Herde an. Die ſchönſte Silhouette des Berges umfaßt das Auge des von Süden kommenden Beobachters, doch muß auch der Eindruck, den er von Oſten her betrachtet, beſonders nach längerer Steppenwanderung, hervorruft, ein großartiger, geradezu überwältigender ſein. Voll tiefer Empfindung ſchrieb Hans Meyer auf ſeiner Reiſe im Jahre 1887 beim Ausblick auf das wunderſame Bergbild in ſein Tagebuch:

Man mag tage⸗ und wochenlang das ſichere Eintreten eines Ereigniſſes erwartet haben und noch ſo gefaßt dem nahenden ent gegenſehen, es packt uns doch mit unwiderſtehlicher Gewalt, wenn es mit einemmale zur Thatſache wird. So ergriff mich hier die plötzliche Erſcheinung des ſehnlich erſtrebten Zieles, des Kilima⸗ Ndſcharo. Das Auge war tagelang über die weiten graubraunen Ebenen der Steppen und Savannen geſchweift, vergeblich die er⸗ ſehnte Gebirgslinie im Horizont ſuchend und hatte ſich an der beſtändigen Einförmigkeit ermüdet. Da plötzlich öffnet ſich vom Kamme eines Höhenzuges ein wunderſames Panorama. Einige Meilen vor uns erſtreckt ſich der ſchmale, hell ſchimmernde Djipe See nach Süden, dahinter ragen die dunklen, ſchroffen Mauern der Ungueno⸗Berge bis in die grauen Schichtwolken empor, nach rechts hin zieht ſich im Mittelgrund der dunkle Streifen der Wälder hin, welche den Lumifluß umſäumen und Taweta einſchließen. Hinter dieſen Wäldern ſteigt die Steppe leicht an und verläuft in dunſtiger Ferne zu dem unteren Teil des mächtigen Gebirgsſtockes des Kilima⸗Ndſcharo, der nun mit einemmal zu der Rieſenhöhe von 6000 m unvermittelt aus der Steppenebene emporwächſt, Ziemlich deutlich laſſen ſich unterhalb der breiten Wolkenſchicht, welche den mittleren Teil des Gebirges umhüllt, die waldigen Hügel der Djagga⸗Landſchaften erkennen, und über den Wolken ſtrahlt plötzlich aus dem Himmelsblau ein wunderbar erhabenes Bild in ſchneeblendender Weiße hervor wie eine Erſcheinung aus einer andern Welt. Es iſt der Kibo, der Hauptgipfel des Kilima Ndſcharo. Sein kleiner Zwillingsbruder, der Mawenſi, verbirgt ſich hinter einer hoch aufgewölbten weißen Cumuluswolke, nur der nordöſtliche Abfall tritt unter den Wolken als eine weit geſchwungene, gradezu architektoniſch regelmäßige Linie hervor. Welche Gegen⸗ ſätze ſind in dieſem Bild harmoniſch vereint! Hier unter uns die Glut des Aequators, neben uns nackte Neger und vor uns Palmen⸗ haine am Rande des Tawetawaldes, dort oben die Eisluft der Pole; die überirdiſche Ruhe einer gewaltigen Hochgebirgsnatur, ewiger Schnee auf erloſchenen Vulkanen.

Die höchſte Spitze des Kilima⸗Ndſcharo liegt unter 3⁰ 4 ſ. B. und 37⁰ 15 ö. L. Der Berg iſt ein aus dem älteren öſtlichen Mawenſi und dem jüngeren, weſtlichen Kibo zuſammengewachſener Doppelvulkan. Das Material des Mawenſi iſt nach Meyer Feldſpatbaſalt, das des Kibo Nephelinbaſanit.

In ſchön geſchwungenen Curven, wie beim Aetna erhebt ſich das