Aufsatz 
Über die Zeitbestimmungen in Plato's Gorgias / Wilhelm Münscher
Entstehung
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widersprechend erkannt werden mussten. Ebenso hat er in unserer Stelle des Gorgias aus der macedonischen, damals noch weit ferner als später stehenden Geschichte die Erwähnung des auf die Zustände in Athen keinen Einfluss übenden Archelaos eingeflochten, weil ihm dieser besonders passend erschien, um die unter den Menschen herrschende und von Polos vertretene Ansicht, dass auch ein schlechter Meusch glücklich sein könne, scheinbar zu begründen. Aber durch diese Freiheit wird die Situation, unter der das ganze Gespräch nach Platos Annahme gehal- ten worden ist, keineswegs aufgehoben oder wesentlich gestört. ¹)

Doch es ist auch die andere Stelle zu betrachten, die auf eine noch spätere Zeit hinweist, und die vorzugsweise viele der neueren Gelehrten bewogen hat, als die für das ganze Ge- spräch zu Grnnd gelegte Zeit das Jahr 405 anzunehmen. Als Polos sich auf das allgemeine Urtheil der Menschen beruft und Sokrates auffordert, nur irgend einen der Anwesenden zu fragen, äussert Socrates mit trefflicher Ironie p. 473 e. und 474 a.(c. 29), er verstehe nicht, wie die der Staatsgeschäfte Kundigen, abstimmen zu lassen; denn, als er im Jahr zuvor als Mitglied des Raths und als Vorsteher des Theils, welchem vermöge der nach den Phylen wechselnden Pry- tanie die Geschäftsleistung im Rathe und der Volksversammlung gerade zustand, das Volk zur Abstimmung hatte auffordern sollen, habe er Lachen erregt, weil er es nicht verstanden hätte, abstimmen zu lassen. ²) Dass in dieser Stelle auf einen bestimmten Vortall hingedeutet wird und dass dieser kein anderer ist als der, welcher von Plato selbst in der Apologie des Sokra- tes, von Xenophon sowohl in den Denkwürdigkeiten des Sokrates als in der griechischen Ge- schichte erwähnt wird, ist durchaus nicht zu bezweifeln. ²) Denn Plato lässt in der Apologie diese Thatsache ausdrücklich als den einzigen Fall anführen,) worin er in öffentlichen Angelegen-

1) Im Protagoras ist auch durch mehrere Anführungen, die auf spätere Zeit deuten, die Situation des ganzen Dialogs nicht aufgehoben. Vglch. Stallbaum in den Prolegom. und Steinhart in s. Einl. B. I. p. 254.

2) Die Sielle heisst: Q IIols, ouu eluil roον 2ετιααν, ld πςσυεν ουενειιν 2αeςν, xεʃ⁸ ul) Lrurdvsus aal EöE ε xuꝓνρeειν,acra nadow dd od« eradrd*ν πτινεꝓσeetv.

3) Die Geschichte von der ungerechten Verurtheilung der acht Feldherrn, die zuvor einen glänzenden Sieg bei den Arginussischen Inseln erfochten hatten, aber der Nachlässigkeit in der Aufsuchung der ins Meer Gefallenen und in der Bestattung ibrer Leichen beschuldigt wurden, und von der standhafren Weigerung des Sokrates, das erbitterte und durch ränkevolle Demagogen aufgestachelte Volk über alle zusammen abstimmen zu lassen, erzählt am ausführ- lichsten Xenophon Hellen. l., 7, kürzer Diod. Sic. XIIl. 101 103, der aber hier des Sokrates nicht erwähnt. Ausserdem finden wir sie erwähnt bei Plato in der Apologie p. 32. b. c.(c. 20) Xen. Mem. Socrat. I, 1, 18. und IV, 4. 2. Pl. Menex. p. 243, Lys. in Eratosthenem p. 123. c. 36. Aelian. Yar. hist. III, 17. Athen. V, 58. Themistii Orat. XX. Valer. Maxim. III, 8 E. 3. Dass diese Begebenheit Ol. 93, 3 oder 406 v. Chr. fällt, ist unzweifelhaft.

4) Plat. Apol. p. 31. d. u. p. 32. b. Xen. Mem. 5. I., 1. 18 I., 6, 7. 2