Aufsatz 
Über die Zeitbestimmungen in Plato's Gorgias / Wilhelm Münscher
Entstehung
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brand und der Schweizer A. S. Vögelin¹) in ihren Schriften über Plato's Gorgias ²) diesen Zeitpunkt für den erklärt, wo Plato das Gespräch gehalten wissen wolle. Allein, weil im Gorgias auch Begebenheiten erwähnt werden, die in spätere Zeit fallen, und in einer Stelle auf eine That des Soerates als eine vor einem Jahr geschehene hingedeutet zu werden scheint, die unzweifelhaft in das Jahr Ol. 93, 3. vor Chr. 406 füllt, so sind fast alle die deutschen Gelehrten ³), welche mit der Untersuchung der Zeitfolge der plätonischén Dialoge sich be- schäftigt haben, von jener Meinung abgegangen und haben sich dahin erklärt, dass der Zeit- punkt, der dem Verfasser vorschwebte, weiter hinaus und zwar in das Jahr 405 vor Christus Zu setzen sei. Nur Steinhart*) hat in der neuesten Zeit Bedenken gegen diese Annahme

geäussert und das Gewicht der für die Arüheeo Ansicht sprechenden Grände kurz geltend gemacht.

Mag nun ah das Verständniss des Dialogs dem wichtigsten Theil seines Inhalts nach durch die Bestimmung des Zeitpunktes, wo er gehalten zu denken ist, nicht bedingt sein, und mag es wichtiger scheinen, die Zeit seiner Abfassung festzusetzen, welche gerade bei diesem Dialog geringere Schwierigkeiten als bei mehreren andern darbietet, so dürfte es doch bei einem so ausgezeichneten Kunstwerk, wie dieser Dialog des Plato unzweifelhaft ist, und bei einer Schrift, die so tief in die Verhältnisse der Zeit eingreift, für die Auffassung einzelner Theile des Dialogs und für die Beurtheilung des Plato als Schrinsteler und Rede- künstler von einigem Werth sein, auch über die Zeit, in welcher sich Plato die Unter- redung des Sokrates gedacht hat, ins Reine zu kommen.) Dies ist nur durch- Vergleichung und Auslegung aller derjenigen Stellen möglich, welche Thatsachen enthalten, aus denen sich eine Zeitbestimmung ergiebt. Diese Stellen werden also vorerst einzeln zu betrachten sein.

Dass der Anfang des Dialogs, worin die Redekunst des Gorgias offenbar als eine neue und ungewöhnliche erscheint, für die Zeit spricht, wo Gorgias als Gesandter seiner Va-

1) Sybrand diss. liter, de Platonis Gorgia.

2) Act. Societ. gr. Lips. vol. I., fasc. II., p. 231 u. f.

3) Ast in seiner Schrift über Platos Leben und Schriften S. 137, Stallbaum in seiner Aaagade des Gorgias, K. F, Hermann in seinem System der platonischen Philosophie S. 436. Wenn dieser gleich im Text diese

Ansicht ausspricht, so hat er doch in der Note schon auf die Schwierigkeiten derselben hingewiesen. Schleier- macher hat sich nicht bestimmt über die Sache erklärt.

4) Plato's Reden übers. von H. Mäüller mit Einleitungen von Steinhart. II. Bd. S. 392.

5) Den Werth einer solchen Untersuchung zeigt auch C. F. Hermann in einer Abhandlung de temporibus rei publicae Platonicae. Marburg, 1839, p. 5. 1*½