Aufsatz 
Über den schriftlichen und mündlichen Gebrauch der alten classischen Sprachen, besonders der lateinischen, in den Gymnasien / Wilhelm Münscher
Entstehung
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wie er die fuͤr den Ausdruck menſchlicher Gedanken ſchon vorhandenen und vorliegenden Woͤrter und Sprachverbindungen in einen neuen Zuſammenhang zu bringen und auf eine eigenthuͤmliche Weiſe fuͤr deutliche und ſchoͤne Darſtellung der in ihm entſtandenen Reihen von Vorſtellungen zu benutzen weiß. Und daß auch die lateiniſche Sprache vermoͤge der belebenden Kraft, welche den claſſiſchen Schriftſtellern derſelben einwohnt, und vermoͤge des reichen Stoffs von Ausdrucksweiſen fuͤr menſchliche Gedanken, den ſie darbieten, noch jetzt in dem menſchlichen Geiſte lebendig werden kann, dafuͤr brauchen wir, wenn wir die Erfahrung zu Rathe ziehen wollen, nicht auf die Lei⸗ ſtungen ausgezeichneter Redekuͤnſtler dieſes Wort im guten Sinne genommen eines Mure⸗ tus, eines Ruhnken, eines J. A. Erneſti, eines F. A. Wolf, eines Eichſtaͤdt, G. Her⸗ mann und vieler Anderen hinzuweiſen, in deren lateiniſchen Darſtellungen ein Jedem eigenthuͤm⸗ liches Gepraͤge des aus den alten claſſiſchen Schriftſtellern entnommenen Ausdrucks ſichtbar wird, ſondern wir berufen uns nur darauf, daß in gar manchen Schulen fruͤherer und gegenwaͤrtiger Zeit nicht bloß einzelne ausgezeichnete Koͤpfe, ſondern alle nicht unfleißige und unfaͤhige Schuͤler eine Darſtellungsweiſe ſich anzueignen vermocht haben, in welcher bei manchen Abweichungen vom regelrechten Sprachgebrauch ein mehr oder weniger lebendiges Gefuͤhl des der lateiniſchen Sprache eigenthuͤmlichen Genius hervortrat. Ja gerade die Abgeſchloſſenheit des Rede⸗Gebrauchs in einer Sprache, welche nicht mehr vom Volke geſprochen wird, die Beſchraͤnkung auf einen Kreis der vorzuͤglichſten Schriftſteller, die nur bei einer ſolchen moͤglich iſt, dieſe Umſtaͤnde erleichtern es gar ſehr, den regelmaͤßigen Sprachgebrauch aufzufaſſen und zum Eigenthum des Geiſtes zu machen, waͤhrend bei der lebenden Sprache, beſonders bei der Mutterſprache, deren Sprachgebrauch ſchwankt und ſtets Veraͤnderungen unterworfen iſt, der oft falſche muͤndliche Ausdruck ſich ſtoͤrend einmiſcht und zugleich ſoviel Mittelgut und ſogar ſchlecht Geſchriebenes dem Schuͤler in die Haͤnde kommt und durch alles dieß die Aneignung eines regelmaͤßigen und ſchoͤnen Ausdrucks erſchwert wird. Iſt es aber ein auf der Schule wohl erreichbares Ziel, auch in einer alten Sprache eine gewiſſe Fertigkeit im regelmaͤßigen und ſchoͤnen Ausdruck derſelben der Jugend beizubringen, ſo darf dieſe Uebung eben aus dem Grunde nicht aufgegeben, auch nicht einmal beſchraͤnkt werden, weil dadurch, wie ſchon oben geſagt worden iſt, die Hauptzwecke des lateiniſchen Sprachunterrichts, die Kenntniß der Sprachgeſetze und das rechte Eindringen in die lateiniſchen Schriftwerke nicht bloß gar ſehr erleich⸗ tert, ſondern dem Schuͤler, moͤchte ich ſagen, erſt moͤglich werden.

Was die Auffaſſung der Sprachgeſetze angeht, ſo bleibt der Unterricht in dieſen bei dem Anfaͤn⸗ ger hoͤchſt unfruchtbar, wenn dieſelben nicht durch beſtaͤndige Anwendungen lebendig gemacht wer⸗ den und man kann nicht von dem Schuͤler ſagen, daß er der mitgetheilten und erklaͤrten Sprach⸗ geſetze maͤchtig ſei, ſo lange er nicht ſelbſt zu componiren, ſo lange er nicht aus der Mutterſprache