Aufsatz 
Über den schriftlichen und mündlichen Gebrauch der alten classischen Sprachen, besonders der lateinischen, in den Gymnasien / Wilhelm Münscher
Entstehung
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Idiom ſich hineinzudenken, ſelbſt bei der Auffaſſung der griechiſchen Sprache und bei der Erklaͤ⸗ rung der griechiſchen Schriftſteller, mehr befaͤhigt werden, in die Eigenthuͤmlichkeiten derſelben ein⸗ zudringen und den Typus derſelben ſich zu veranſchaulichen, obſchon die Fertigkeit in Componiren des Griechiſchen auf einer geringeren Stufe ſtehen bleibt. Indeſſen glaube ich allerdings, daß es bei der griechiſchen Sprache nicht wenig zur Belebung und Erleichterung des Unterrichts beitragen wird, wenn man ſchon fruͤh durch muͤndliche Uebungen noch mehr als durch ſchriftliche z. B. durch muͤndliche Ruͤckuͤberſetzungen des Geleſenen, ſo wie durch Fragen in griechiſcher Sprache, die ſich an das Geleſene genau anſchließen, bei dem weiter Gekommenen durch Ueberſetzung der homeriſchen Poeſie in attiſche Proſa, die Sprache den Schuͤlern gelaͤufig zu machen ſucht und dahin arbeitet, daß ſie nicht bloß das Gegebene in ſich aufnehmen, ſondern auch in allmaͤhlichem Fortſchritt eine lebendige Anſchauung von dem eigenthuͤmlichen Weſen der griechiſchen Sprache erhalten.

Doch es kommt eben darauf an, zu zeigen und insbeſondere hinſichtlich des Lateiniſchen zu zeigen, daß eine lebendige Anſchauung von dem eigenthuͤmlichen Weſen dieſer Sprache und ihrer Schriftſteller nicht erlangt werden kann, ohne daß man Uebungen im Schreiben und Sprechen derſelben anſtellt. Die Gegner dieſer Uebungen reden ſo gern von der lateiniſchen als von einer todten und abgeſtorbenen Sprache und verwerfen zugleich die Mittel, durch welche dieſe Sprache, wenn ſie auch ihr Leben im Volke verloren hat, doch zu einem lebendigen und wirkſamen Daſein in den Seelen der Jugend erhoben werden kann und ſoll. Daß dieſes moͤglich ſei, wird nicht beſtritten werden koͤnnen. Denn eine Schriftſprache, eine Sprache, die fuͤr einen ſtreng geregelten und ſchoͤnen Ausdruck der Gedanken als Norm dienen ſoll, lebt nicht dadurch, daß ſie von einem Volke geſprochen wird, ſondern dadurch, daß ſie eine Literatur, einen Kreis von Schriftwerken darbietet, durch welche ſich der Geiſt der Sprache in küunſtleriſcher Vollendung abſpiegelt, und in welchen Muſter vorliegen, wie die Sprache gehandhabt werden muß, wenn ſie nicht bloß Ge⸗ danken, gleich viel in welcher Weiſe, mittheilen, ſondern dieſe auch in ihrer vollen Klarheit hin⸗ ſtellen, wenn ſie durch die Rundung und Schoͤnheit in dem Vortrag der Gedanken das Gemuth des Hoͤrers oder Leſers bewegen, wenn ſie die ganze Kraft, deren ſie faͤhig iſt, auf das Innere des Menſchen aͤußern ſoll. Auch wir lernen unſere Schriftſprache nicht durch den Redegebrauch des Volks, ſondern durch das fruͤhe angefangene und ſtets fortgeſetzte Leſen von Schriftwerken; durch das Vernehmen wohl abgemeſſener und zuſammenhaͤngender Rede eignen wir uns die Rede⸗ weiſe an, welche den eigenthuͤmlichen Charakter der Schriftſprache ausmacht. Auch in der lebenden Sprache iſt der Lernende an einen beſtimmten Kreis von Ausdrucksweiſen gebunden und kann nicht neue Wendungen ſchaffen, wie es gerade ſeiner Individualitaͤt entſpricht, ſondern dieſe zeigt ſich bei der abgeſchloſſenen Sprache ebenſowohl als bei der noch lebenden Mutterſprache in der Art,