Aufsatz 
Über den schriftlichen und mündlichen Gebrauch der alten classischen Sprachen, besonders der lateinischen, in den Gymnasien / Wilhelm Münscher
Entstehung
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in die lateiniſche Sprache mit genauer Beachtung der verſtandenen Regeln zu uͤberſetzen im Stande iſt. Denn erſt durch dieſe Selbſtthaͤtigkeit, durch dieſes Selbſtſchaffen des Ausdrucks nach einer feſt beſtimmten Regel wird es ihm moͤglich, eben dieſe in allen ihren Beziehungen, in ihrer ganzen Strenge und Bedeutung feſtzuhalten.*) So lange nur der lateiniſche Ausdruck vorliegt, bleibt die Regel dem Schüler nur ein Aeuſſeres; erſt dadurch, daß er von innen heraus den Ausdruck nach derſelben geſtaltet, wird ſie ein Eigenthum ſeines Innern. Und da er nicht bloß einzelne Regeln, ſondern eine Sprache als ein eng verbundenes, wenn gleich aus vielen Einzelnheiten zuſammenge⸗ ſetztes Ganze auffaſſen ſoll, ſo iſt es auch noͤthig, daß der Schuͤler nicht bloß nach vorher erklaͤrten Regeln uͤberſetze, ſondern daß ihm, ſobald er dazu faͤhig iſt, zuſammenhaͤngende deutſche Aufſätze, in welchen verſchiedene Regeln zur Anwendung kommen, und der Schuͤler ſelbſt nach Maaß⸗ gabe der Form des Gedankens den entſprechenden Ausdruck aufzufinden hat, zur Uebertragung in die lateiniſche Sprache aufgegeben werden. Denn erſt durch dieſe Uebertragungen verſchafft er ſich unter der Leitung des Lehrers ein lebendiges Bild von dem lateiniſchen Ausdruck im Zuſammen⸗ hang, von der Verſchlingung, Aneinanderknüpfung und Umformung der Säftze, wie ſie der latei⸗ niſche Sprachgenius im Vergleich zum Deutſchen fordert. Jetzt erſt wird er der Regeln des latei⸗ niſchen Sprachgebrauchs voͤllig Herr und ihrer Anwendung deutlich bewußt, inſofern er ſtets ſelbſt zu beurtheilen hat, ob und wie weit die einſchlagenden Regeln in Anwendung zu bringen ſind. Jedoch muß der Lehrer bei dieſen Arbeiten nicht mit der bloßen Anwendung der Regel zufrieden ſein, ſondern ſich immer zu uͤberzeugen ſuchen, ob der Schuͤler mit deutlichem Bewußtſein die Regel angewendet oder nur aus der Erinnerung das Seinige genommen und mehr durch Zufall als durch Einſicht in die Gruͤnde das Richtige getroffen hat. Bloße Ruͤckuͤberſetzungen des fruͤher

*) So wichtig die Compoſitions⸗Uebungen im Lateiniſchen ſind, und ſo früh ſie auch anfangen dürfen, wenn ſie Anfangs nur in wenig veränderter Wiederholung des ins Deutſche überſetzten Lateiniſchen beſtehen, nach dem Muſter des vortrefflichen Leſebuch von Ellendt, und wenn erſt allmählich zur Nachbildung von einfachen, dann von zuſammengeſetzten Sätzen fortgegangen wird, ſo iſt doch große Vorſicht und Lehrweisheit gerade bei dieſen Uebungen nöthig. Insbeſondere muß das Componiren lange Zeit wenigſtens weit mehr mündlich als ſchriftlich geſchehen und das, was der Schüler ſchreibt, ſo vorbereitet werden, daß er, wenn er auf⸗ merkſam iſt, größtentheils das Richtige treffen kann. Durch Fragen muß ſich dann der Lehrer überzeu⸗ gen, daß nicht bloß das Gedächtniß, ſondern auch der Verſtand thätig geweſen iſt, überhaupt aber durch die ganze Art der Behandlung die geiſtige Thätigkeit und den edlen Wetteifer ſeiner Schüler gehörig an⸗ zuregen wiſſen. Denn von dieſem Theil des Unterrichts gilt es noch mehr als von andern z. B. vom Leſen der Schriftſteller, daß bei einer mechaniſchen oder bloß verſtändigen Behandlung der Sache, ſelbſt eine ſehr fleißige Correctur von Seiten des Lehrers vorausgeſett, die Uebung unfruchtbar bleibt.