Aufsatz 
Über den schriftlichen und mündlichen Gebrauch der alten classischen Sprachen, besonders der lateinischen, in den Gymnasien / Wilhelm Münscher
Entstehung
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ſo fallen dieſe Maͤngel entweder der Nachſicht der Univerſitaͤtslehrer, oder der Geiſtestraͤgheit der Schreibenden oder dem Mangel an zweckmaͤßiger Betreibung dieſer Uebungen auf vielen Gym⸗ naſien zur Laſt.

2. Doch eben darum, weil der zuerſt erwaͤhnte Grund nicht ausreicht, fuͤhrt man noch andere Gruͤnde an, um die Zweckmaͤßigkeit der Uebungen im Lateiniſch⸗Schreiben und Sprechen in Zweifel zu ſtellen. Man behauptet, die Hauptzwecke, welche durch das Studium der claſſi⸗ ſchen Sprachen erreicht werden ſollen, die Kenntniß der lateiniſchen Sprachgeſetze eines Theils und das Verſtaͤndniß der Schriftſteller anderen Theils, wuͤrden durch die Uebungen im eigenen Gebrauch der lateiniſchen Sprache nicht gefoͤrdert. Um dieß zu beweiſen, beruft man ſich darauf, daß in der griechiſchen Sprache jene Zwecke auf eine ausgezeichnete Art erreicht worden ſeien, ohne daß man Uebungen im Griechiſch⸗Schreiben angeſtellt habe und man fuͤhrt einen Ausſpruch des großen Leipziger Philologen J. A. Erneſti an, der in ſeiner Vorrede zu dem von ihm herausgegebenen griechiſch⸗deutſchen Handlexikon von Hederich auf das entſchiedenſte gegen die Uebungen im Griechiſch⸗Schreiben ſich erklaͤrte. Wenn alſo im Griechiſchen ſolche Uebungen nicht noͤthig ſeien, ſo wuͤrde es auch thoͤricht ſein, ſie im Lateiniſchen zu fordern. Aber ſind ſie fuͤr den Hauptzweck des Sprachunterrichts ohne Nutzen, ſo wird, faͤhrt man fort, auch ſchon inſofern dieſer Hauptzweck beeintraͤchtigt, als die Zeit, welche auf eben dieſen verwendet werden ſollte, verkuͤrzt und geſchmaͤlert wird. Doch man geht noch weiter. Man behauptet auch, daß die Uebung im eigenen Schreiben oder Sprechen des Lateiniſchen auf das Eindringen in den lateiniſchen Sprachgebrauch und auf das rechte Verſtaͤndniß der Schriftſteller unmittelbar ſchaͤdlich einwirke, weil der Lernende vermoͤge der durch die Mutterſprache angewoͤhnten Denk⸗ und Aus⸗ drucksweiſe in die Begriffsſphaͤren, welche durch die Worte und Wendungen der lateiniſchen Sprache ausgedruͤckt werden, ſich nicht hinein zu denken wiſſe und alſo, wenn er zu Uebungen im Lateiniſch⸗Schreiben angehalten werde, nur ein nach der Mutterſprache und nach falſcher Auffaſſung des Sprachgebrauchs gemodeltes Latein ſich angewoͤhne; daher er dann falſche Begriffe von dem Sprachgebrauch der Roͤmer ſich aneigne und dieſe zum Leſen und Erklaͤren ihrer Schriftſteller mitbringend, die Sprachgeſetze und die eigenthuͤmliche Diction der Schriftſteller nicht mehr rein aufzufaſſen im Stande ſei und inſofern geringere Fortſchritte in dieſem Geſchaͤft machen muͤſſe. Auch macht man es der neueren Latinitaͤt bald zum Vorwurf, daß ſie auf einem einſei⸗ tigen aus einem beſchraͤnkten Kreiſe von Schriftſtellern oder gar einem einzigen, dem Cicero, entnommenen Typus beruhe, bald wieder, daß ſie aus dem Latein verſchiedener Zeitalter und Gattungen der Schriftſteller zuſammengeſetzt, ein buntſcheckiges Ganze darſtelle, in welchem kein Roͤmer ſeine Sprache wieder erkennen wuͤrde. Immer aber ſoll dem neuern Latein ein Mangel

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