Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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In Bergen führte uns der Begründer des Heidemuseums, ein nahezu 90 jähriger Rektor und echter Heidjer, durch sein Museum und zeigte uns mit aller Liebe und Sorgsamkeit die von ihm ge- sammelten Sfücke. Abends saßen wir mit ihm in einer alten Bauernstube und ließen uns von ihm erzählen, wie die Heide einst zu seiner Jugendzeit war. Nur zu rasch verflog die Leit, aber wir mußten uns losreißen, um noch unser Quartier in Hermannsburg zu erreichen. Der Regen goh, die Sfraße war ſinster und auſgeweicht, aber geschlossen marschierten wir mit frohem Wanderlied ein. 5

Und nun lolgten 3 Tage Heidewanderung, vorbei an malerischen, eichenbeschaffeten Dörfern, vorbei an dem auf einer Anhöbe inmiften der Heide stehenden wuchtig-einfachen Lönsdenkmal, das einen fiefen Eindruck auf alle machte. Beim Abstieg überkam uns Wehmut: der Eigentümer des umliegenden Geländes war damit beschäftigt, die Heide in Ackerboden umzubrechen. S0 wird auch dieser stille Gedenkplatz des Heidedichters bald, wie so viele Teile der Geestlandschaft, nur noch in der Erinnerung und in Büchern als Heidegebiet bestehen bleiben.

Durch die großen Sand-, Wald- und Heideflächen des Münsterlagergebietes und der Raubkammer strebfen wir nach dem mitten in der Heide gelegenen Dörſchen Bispingen. Das alte Kirchlein wurde unter der Führung des Ortspſarrers besichtigt, der uns auch abends freundlich Auskunft gab auf die vielen Fragen, die Lehrer und Schüler zu stellen nicht müde wurden. Die trefllich eingerichtete Jugendherberge als Standquartier benutzend besuchten wir die Kieselgurgruben bei BHützel, den Borsteler Schalsstall, stiehßen dann in die Zentralheide vor, die in dem Naturschutz- gebiet um Wilsede orographisch und landschaſtlich-ästhetisch ihren Höhepunkt erreicht. Hier bekamen wir auch endlich die in der Literatur so oft erwähnten, in Wirklichkeit nur selten anzufreffenden Heidschnuckenherden zu sehen. Am Spätnachmittag weanderten wir durch den in seinem braunen Herbstkleide und mit seinen melancholischen Wachboldergruppen geheimnisvoll daliegenden Toten- grund weiter. Zuweilen lenkten sonst selten gewordene Stecheichenbüsche die Aufmerksamkeit auf sich und brachten etwas Abwechslung in die grohße Einförmigkeit, die aber niemals aufhörte, ihre eigenartigen Reize auf uns auszuüben.

Nach 5 Tagen sagten wir dieser uns so vertraut und lieb gewordenen Heide Lebewohl, durch- streiſten auf der Bahnfahrt nach Hamburg kurz Lüneburg und fraſen am Nachmittag in Hamburg ein. Welcher Gegensatz: morgens noch in der weltabgeschiedenen Heide, nachmittags im Getriebe der Weltstadt. Aber es blieb uns nicht viel Zeit, Betrachtungen und Vergleiche anzustellen. Die Untergrundbahn beförderte uns rasch nach Stellingen in den Hagenbeckschen Tierpark, der ein- gebhend besichtigt wurde. Am nächsten Tag glitten wir in einer Motorbarkasse durch die ent- legensten Haſenwinkel an Docks und weiten Lagerhallen vorbei. Staunend sahen wir an den mäöchtigen Schiffskolossen empor und besichtigten noch einen wenige Iage vorher von New-York angekommenen Hapagdampfer. Der Elbtunnel als Grohßleistung moderner ITechnik erregte Staunen; an den Öt. Paulilandungsbrücken ſesselte uns das bunte, lebhafte Treiben; die Altstadt mit ihren Fleets, Warenspeichern und gedrängtem Verkehr vervollständigte das Bild der Großhandelsstadt. Aus der Fülle der Eindrücke ragten durch die Wucht ihrer Sliederung und ihres Aufbaus das Chilehaus und das Bismarckdenkmal ganz besonders hervor. An der Alster wurde mancher Ver- gleich mit dem heimatlichen Main gezogen. Den Abschluß des Hamburger Aufenthaltes bildete

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