Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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4. DURCHI DIE LUNEBURGER HEIDE NACH HAℳMBURG UND HBELGOLAND.

Die Fahrt war als Ergänzung des biologischen und erdkundlichen Unterrichtes gedacht. Von den feilnehmenden 25 Schölern gehörte eine Anzahl der biologischen Arbeitsgemeinschaft an; die Leitung haften die Sfudienräte Dr. Wilbelm Mller und Leo Reutfer.

Das allgemeine Ziel war das Geesf- und Marschland und die Nordseeküsfe. Die Fahrt wurde in mehreren Zusammenkünften eingehend vorbereitet, wobei auch Schöler mit Hille des Projektions- apparates über die Strecken berichteten, die ihnen zur besonderen Bearbeitung übertragen waren. Am 17. September brachte uns die Bahn über Giehßen Marburg nach Kassel, das Hluchtig durchstreift wurde. Am Spätnachmiftag erreichten wir Hildesheim, das wir eingehend besichtigten: die alten engen Gassen mit den zahllosen kunstgeschichtlichen Sebhenswürdigkeiten, auf die wir am liebsten mehrere Iage verwandt häften. Bleibende Eindrücke binterließen im Gesamtbilde der Dom, das Knochenhauerhaus, das Rathaus, die Ratsapotheke, derumgestülpte Zuckerhuf und noch manches Kleinod mittfelalterlicher Kunst des Fachwerkbaus.

Am nöchsten ITag brachte uns die Bahn nach der alten, den geschichtlichen Sinn viellach anregenden Herzogstadt Celle, die wir als eigentlichen Ausgangspunkt für unsere Heidefahrt gewählt hatten. Ein glücklicher LZufall ermöglichte es uns, das Landesgestüt mit seinen edlen Rasseplerden zu besichtigen. Die Weiterfahrt über Bergen nach Soltau, die besonders eingelegt war, um einen Gesamteindruck von der Heidelandschaft zu vermifteln, brachte eine Enffäuschung: wir sahen Wälder, Acker mit Kartofleln und Lupinen, aber nur vereinzelt bemerkten wir eingestreute kleine Heideflächen. Die viel gerühmte und oft geschmähte endlos gedehnte Heide wollte sich nirgends zeigen. Der Abend ſand uns frotzdem in fröblichem Treiben in der behaglich eingerichteten Jugendherberge in Fallingbostel. Schon an diesem Abend erwies sich die Besorgnis, es möchte sich an den langen frühen Herbstabenden leicht Langeweile einstellen, als grundlos. Meist wurde zwanglos, wie es sich der Stimmung der dämmernden Stunden einfügte, noch einmel der Verlauf

des Tages mit seinen besonderen Erlebnissen gestreift, oft auch ein Vorblick auf den bevorstehenden

Tag geworſen. Dann lolgte Scherz und Lied und bald die wohlverdiente Ruhe.

Erwartungsvoll brachen wir früb morgens von Fallingbostel auf. Die braune Heide fet sich auf voll Herbheit und Größe und doch erfüllt mit einem eigenartigen Zauber, elegisch in ihrer Endlosigkeit und in ihrem müden herbstlichen Abblühen. Verträumfe Wege, mit weihstämmigen Birken umsäumt, führten uns durch Moore, dann in weite Wald- und BHeideflächen, deren Ein- samkeit durch die zahlreichen Wachbolderbüsche nur dürftig belebt wurde. Weit und breit war keine menschliche Niederlassung zu sehen, nur zuweilen fraſen wir auf primitive Heideimkereien, die bei den Schülern lebhafteste Aufmerksamkeit erregten. Dann ging es wieder weiter, stundenlang auf gebleichten Trampelwegen durch das endlose rolbraune Auf und Ab der erstarrten Landwellen. Aus der Erinnerung fauchte manche Schilderung von Löns, der Droste und von Storm auf. Besonders eindringlich wirkten die sieben Sfeinhäuser, weiträumige alte Grabkammern, von denen leider nur noch fünf erbhalten sind. In ihrer Weltentrücktheit machten sie als Symbole des Vergänglichen einen ergreifenden Eindruck, der jede laufe Auherung verstummen ließ und auch anbielt, als wir

über das einsame Manhorn weiterwanderten.

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