Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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lichen Eindruck. Viele von ihnen hatften schon die Alpen gesehen und waren nun überrascht, in unserem Vaterlande Landschaften zu sehen, die an Romantik und Wildheit dem Salzkammergut nicht nachstehen. Am andern Tage begann die Wanderung durch den Unterharz, dessen lieb- liche Iäler und reiche Laubwaldungen ein ganz anderes Landschaftsbild darbofen und so in wirkungsvoller Weise zeigten, wie sehr der landschaffliche Charakter bedingt ist durch den geolo- gischen Auſbau. Den Abschluß der Harzwanderung biſdete der Besuch des freundlichen Blanken- burg und der Aufstieg auf den bei Blankenburg gelegenen, sagenumwobenen Regenstein, der

durch J. Woll's ErzählungDer Raubgral einigen Schülern schon bekannt war.

Die Besichtigung Quedlinburgs, Braunschweigs, Hildesheims und Hamelns war das Reiseziel der ſolgenden Iage. Das Wandern frat zurück, de wir wegen der großen Entfernungen die Bahn benutzen mußten. Unter dem vielen Schönen, das wir in diesen Sfädten gesehen haben, möchte ich besonders den Dom zu Quedlinburg, Burg Dankwarderode, den Dom zu Braunschweig, die Michaelskirche und den Dom zu Hildesheim erwähnen. Diese Baudenkmäler, deren Entstehung bis in das 10.-12. Jahrhundert zurückreicht, vermiftelten uns ein geschlossenes Bild der romanischen Kulfur auf allen Gebieten: Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Bronzeguß und Goldschmiedekunst. Wir sahen, wie sie sich entwickelt hatte aus bescheidenen Anfängen heraus, unter Anlehnung

an fremde Muster, um dann rasch zu eigener Gestaltung ſortzuschreiten.

Unser besonderes Interesse galt aber auch der Entwicklung des deufschen Fachwerkbaues. Uber- reiches Material boten die schon oben genannten Städte, besonders Braunschweig und Hildesheim, wo sich noch ganze Straßenzüge von prächtigen Fachwerkhäusern erhalten haben. Da wir uns bei unserer Vorbereitung auf die Fahrt besonders eingehend mit der Entwicklung des deutschen Fachwerkhauses beschäſtigt hatten, machte es den Schülern Freude, selbständig die einzelnen Iypen (Renaissance, Gotik) zu bestimmen, ihre Entstehung aus dem niederdeufschen Bauernhause nach-

zuweisen, oder die Stileigenfümlichkeiten der einzelnen Orte anzugeben, wie sie besonders im

Fassadenschmuck zum Ausdruck kommen.

Von Hameln aus begann die Fahrt ins Weserbergland. Nach einer herrlichen Fahrt auf der Weser von Hameln bis Rühle durchwanderfen wir noch 2 Tage das Weserbergland zwischen der Raabestadt Holzminden und Höxter. Wir hatten ganz ausgezeichnetes Wetter und infolge- dessen wundervolle Fernblicke auf den Weserstrom und die ihn einschließenden Gebirgszüge, die wieder ein ganz anderes Landschaftsbild bofen als der Harz. Eingehend wurde noch Korvey besichtigt, das uns aber insoſern eine Enttäuschung bereitete, als von dem alten Sachsenkloster kaum noch Uberreste vorhanden sind; die Baufen sind nach dem 30 jährigen Krieg errichtet worden. Von Karlshafen fraten wir die Heimreise an, die uns über Kassel führte, wo wir den uns

noch verbleibenden Nachmittag benutzten, Park und Schloß Wilbelmshöhe zu sehen.

Mit Ausnahme der letzten Nacht haben wir in Jugendherbergen geschlaſen. Im allgemeinen waren wir, von der Unterkunft in Wernigerode und Hildesheim abgesehen, gut untergebracht. Die neuen, modern eingerichteten Jugendherbergen, wie in Hameln und Höxter, bieten alles, was die Jugend

Hermann Eichholz.

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billigerweise von einer solchen Unterkunft erwarten darf.