Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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Mit der Freude an der Landschaft verband sich ein sehr lebendiges Interesse für die Bevölkerung. Die meisten Schüler kamen zum ersten Mal nach Oberfranken und Thüringen und stellten Be- frachtungen über die Art des Volksschlages und seine Sprache an. Der fließende Übergang der einen Mundart in die andere wurde beobachtet, und einige brachten es in der Nachahmung des

Dialektes zu anerkennenswerter Fertigkeit.

Zum Schlusse darf noch ſestgestellt werden, dah die Wandergruppe, die aus Schülern verschie- dener Klassen bestand, sich sehr schnell zu einer richtigen Wandergemeinschaft zusammenschloh im Seist guter Kameradschaft und harmloser Fröblichkeit, aus der kein Mihton hervorklang, sodaß man zum Schlusse sehr ungern von einander Abschied nahm.

Ernst Zickel.

3. M HARZ UND WESERBERGLAND(1927).

Der Leiftgedanke der vom 16.-27. September dauernden Studienfahrt(12 Schüler und Studienrat Dr. Eichholz als Führer) war von geographischen und kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten bestimmt. Auf der Wanderung sollte ein deutliches Bild von dem landschaftlichen Charakter des Harzes und des Weserberglandes gewonnen und die Schüler mit den Leistungen der frühromanischen Kultur sowie mit der Entwicklung des deutschen Fachwerkbaus vertrauft gemacht werden.

Am 16. Sepfember kamen wir abends in Goslar an. Der nächste Tag war der Besichtigung der alterfümlichen Stadt gewidmet, die mit der von Heinrich Ill. erbaufen Pfalz, mit ihrem prächtigen Reneissance-Rathaus und ihren hochgiebeligen Patrizierhäusern in eindringlicher Weise von alter deufscher Kaisermacht und von dem Reichtum und Kunstsinn ihrer Bürger im Mittelalter spricht. Ein Stück deufscher Geschichte wurde vor unseren Augen lebendig, als wir an der Gruft Hein- richs lll. standen, als wir durch den Kaisersaal schritten, der so manche glänzende Reichsversammlung gesehen und dessen Wandbilder den aufmerksamen Schülern die Höhepunkte deutscher Ge- schichte vor Augen führten. Unser besonderes Interesse galt noch der Frankensteiner Kirche, die in ihrer übersichtlichen, streng nach dem gebundenen romanischen System durchgeführten Anlage in ausgezeichneter Weise einen Eindruck von der Raumgestaltung einer romanischen Kirche ver- mittelt. Tielen Eindruck machten noch die vor einigen Jahren blohßgelegten Wandgemälde, die zu den öltesten Zeugnissen der romanischen Malerei gehören und wegen ihrer bizarren Formen an

den Expressionismus der modernen Malerei erinnern.

Unser nächstes Ziel war Wernigerode, dessen Rathaus zu den ältesten in Deutschland gehört. Am anderen Morgen Pußwanderung auf den Brocken durch das Tal der Holtemme, die Steinerne Renne genannt. Trotz des mühsamen Auf- und Abstiegs und des allmählich einsetenden Regens war die Stimmung ausgezeichnet, da wir immer wieder gepackt wurden von den wilden, roman-

fischen Formen dieses Granitmassives.

Von Wernigerode fuhren wir nach Rübeland, wo wir die wegen ihrer reichen Tropfſsteinbildungen berühmte Hermannshöhle besichfigten, und von dort mit der Kraſtpost nach Treseburg, um durch das Bodetal zu wandern. Diese Wanderung durch das fief in die Granitfelsen eingebeftefe Tal mit seinen Schluchten und mauersfeilen Abstürzen machfe auf die lTeilnehmer einen unvergeh-

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