Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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Spät abends kamen wir nach München zurück, bezogen wieder unser altes Quarfier und fuhren in der Frühe des nächsten Morgens über Ingolstadt durch das Altmühltal nach Nürnberg.

Dort wurde wieder Halt gemacht, diesmal gewährte die gutf eingerichtete Jugendherberge Unter- kunft. Einen vollen Iag haben wir auf die Besichtigung der alten Reichsstadt und ihrer herrlichen Baudenkmäler verwendet. Stundenlang haben wir uns in den alten Gassen und Winkeln aus Hans Sachsens und Albrecht Dürers Zeit herumgetrieben, wir standen auf den alten Brücken der Pegnitz und schaufen von der Burg hinab ins fränkische Land. Bewundernd und begeistert sahen wir die herrlichen Kirchen, die Meisterwerke von P. Vischer, Adam Kraft und Veit Stoh, die Brunnen, die zierlichen Erker und fraulichen Höfe. Der nächste Morgen gestattete uns noch einen Rundgang durch die kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen des Germanischen Mu- seums. Nürnberg war für die meisten Schüler etwas ganz Neues. Aus Gespröchen mit ihnen

glaube ich entnehmen zu können, daß die Eindrücke, die sie dort emplfingen, unvergessen bleiben

werden. Gegen Abend brachte uns dann der Lug über Würzburg durch den Spessart nach Frankfurt zurück. Die Fahrt verlief insgesamt ohne jeden Mihßklang. In dem engen Zusammensein bofen sich viel-

ſache Gelegenheiten zu gegenseitigem besserem Kennenlernen und zur Befätigung des Kamerad-

schaffsgefühls. Geist und Gemüt wurden in gleicher Weise bereichert. Vieles aus dem deutschen, dem geschichtlichen, erdkundlichen und auch naturwissenschaftlichen Untericht, was mehr oder weniger fotes Buchwissen geblieben war, gewann durch eigene Anschauung jetzt Gestalt, Glanz und Farbe. So bedeufefe die Fahrt für alle Beteiligten ein großes Erlebnis.

Wöre ich nicht schon vorher ein Freund dieser längeren Schöülerwanderungen gewesen, auf dieser

Fahrt wäre ich es geworden. Paul Schroeder.

2. UNSERE FAHRT INS OBERE MAINTAL, NACH NAUMBURG UND NACHTHURINGEN(1926).

Zur Vorbereitung der Fahrt, an der 10 literarisch und kunstgeschichtlich eingestellte Schüler unter Führung von Studienrat Dr. Zickel feilnahmen, wurden in einer Reihe von Sonderstunden die zu besichtigenden Kunstdenkmäler mit dem Projektionsapparat im Lichtbild vorgeführt und eingehend besprochen. Ferner wurde versucht, den Schülern die Bedeufung Weimars als deufscher Kultur- stäfte eindringlich klar zu machen, wobei ihnen die überragende Stellung Goethes im deutschen Geistesleben vor Augen treten sollte. Auf ihren Wunsch wurde den Schülern auch Literatur an die Hand gegeben. Die Fahrt fand vom 21. 29. September 1926 staft.

Die Dome von Bamberg, Naumburg und Erfurt, die Kirchen von Banz und Vierzehnheiligen wurden als hervorragende Denkmäler deutscher Baukunst überhaupt und auf ihre monumentale Haltung im Stadibild und in der Landschaft hin betrechtet und in ihren besonderen Stileigen- fümlichkeiten gewürdigt.

In Bamberg wirkte der Eindruck einer einheiflichen, durch die Jahrhunderte gepflegten kirchlichen Bau- und Wohnkultur, den der Dom und das Domviertel(mit Michaelsberg) vermittelten, mit besonderer Kraft. Die Kirchen von Banz und Vierzehnheiligen zeigten die Barockkunst in ihrer

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