Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

fieſe Eindrücke zu vermifteln und Liebe und Verständnis für Land und Volk, für die eigene und fremde Art zu erschliehen. Auch dürſte durch die Fahrten am ehesten der geordnete Lu- sammenhang mit der großen Jugendbewegung, die je von Haus aus eine Wanderbewegung ist, gewahrt bleiben. Aller Jugend ist der Drang zur Ferne und zum Neuen eingeboren, aber selten ist dieser Trieb so naturhaft zum Durchbruch gekommen wie in der jüngsten Vergangenheit und in der Gegenwart. Die Schule, die sich ihrer erziehlichen Aufgaben bewuht ist, eis ihm gern ſolgen und ihn mit Verständnis nützen.

Jeder Fahrt legen wir einen bestimmten Leitgedanken zu Grunde, der organisch aus dem Unterricht hervorwächst und daher geeignet ist, die in der Schule geleistete Arbeit abzurunden und zu ver- tieſen. Die Bildung der einzelnen Gruppen wird nicht dem Zufall überlassen oder durch LZwang vorgenommen, sondern sie erfolgt je nach den verschiedenen Interessen der Schüler. Die Teil- nehmerzahl beträgt 10 14 Schüler unter Führung eines Lehrers. Die Gruppe wächst auf der Fahrt umso rascher zu einer engverbundenen Gemeinschaft zusammen, als sie schon vorher Fühlung untereinander nimmt. In der Regel werden in mehreren Vorbesprechungen die wesentlichen Gesichts- punkte der bevorstehenden Fahrt genau durchgearbeifet, damit die Schüler bewuht reisen lernen und damit unterwegs auf ermüdende Belehrungen möglichst verzichtet werden kann. Wo es sich zwanglos ergibt, greifen wir im späteren Unterricht auf die Fahrten zurück, die auch schon mehrfach die Schüler zur freiwilligen Anfertigung umſangreicher, künstlerisch ausgestatteter Berichte, auch wohl zur Anfertigung von Jahresarbeiten angeregt haben. Bei allen Fahrten wird darauf Bedacht genommen, daß Arbeit und Genuh miteinander abwechseln. Wir wollen keine abstumpſende Ubersäffigung mit Studien kultur- und kunstgeschichtlicher, historischer, biologischer und erdkundlicher Art, sondern wir wollen daneben auch ausgiebig in Gotffes freier Natur wandern, damit Geist und Gemüt frisch und aufnahmefähig bleiben.

Die ersten Versuche mit Studienfahrten haben wir 1926 mit den beiden Oberprimen gemacht. Ein Teil der Schüler ging damals nach München und Garmisch-Partenkirchen, ein anderer Teil nach Bamberg, Naumburg, Weimar, in den Thüringer Wald, auf die Wariburg, nach Erfurt und Eisenach.

Im Herbst 1927 haben wir dann die ganze Obersfuſe auf Fahrt geschickt: 132 Schöler und 10 Lehrer. Eine Gruppe hatfte sich München, den Walchensee und das Zugspitzgebiet zum TZiel gewählt; eine zweite das Wettersteingebirge, Innsbruck und den Achensee; eine Doppelgruppe das Salzkammergut und Berchtesgaden mit Rundfahrt auf dem Königsee und Besteigung des Watzmanns; eine andere Doppelgruppe, mehr kunstgeschichtlich eingestellt, besuchte die Bau- ausstellung in Stuffgart, das Münster in Ulm, Blaubeuren, Kloster Beuron, die Museen in Sigmaringen und Donaueschingen, die Insel Reichenau, Konstanz, Lindau und Weingarten; eine weitere Gruppe wanderte an der mittleren Weser, durch den Harz und die umgebenden Städte und richtete dabei ihr Augenmerk auf die Leistungen der frühromanischen Kultur und auf die Entwicklung des deufschen Fachwerkbaus; eine geologisch-geographische Doppelgruppe ging in die Lüneburger Heide, nach Hamburg und Helgoland und endlich die letzte Gruppe nach England. Jede Gruppe erhielt für den Schüler Mk. 50., für den Leiter Mk. 75. Für die englische Gruppe war eine Sonderregelung getroſſen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Zuschüsse im allgemeinen für Fahrt, Verpflegung und Unterkunft ausreichen, doch sollen sie im nächsten Jahre

43