Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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UNSERE SIUDIENFAHRTEN.

Was ich nicht erlernt hab, Das hab ich erwandert. (Goethe).

Die Beibehaltung des früheren Landheims war aus drei Gründen unmöglich. Mit der einsetenden Festigung unserer Währung erwiesen sich die geldlichen Schwierigkeiten, wie sie§. 28 näher dargelegt sind, allen Bemühungen zum Trotz als unüberwindlich. Dazu wirkte sich der durch den Aufenthalt im Landheim bedingte starke Lehrerwechsel, 60 70 mal im Sommerhalbjahr, als eine auf die Dauer nicht zu tragende Belastung des Unterrichtes aus, zꝛumaſ die beginnende Schul- reſorm das Mah der Anforderungen für Lehrer und Schüler wesentlich erhöht hafte. Und drittens machte sich bei Schülern und Eltern eine immer stärkere Landheimmüdigkeit geltend, die nicht

übersehen werden durfte; viele mußten dberredef werden, ohne dah man sie überzeugen konnte-

Da galt es, entschlossen zu handeln, ehe es zu spät und die Entwicklung zu einem Punkte all- gemeiner Ratlosigkeit gediehen war. Nach reiflicher Erwägung aller Umstände richtete daher der derzeitige Direktor der Schule, dem ja in erster Linie die Verantwortung oblag, am 1. September 1924 an den Vorstand des Landheimvereins ein längeres Schreiben und bald darauf eine aus- führliche Denkschrift, worin die Nofwendigkeit der Veräuherung des Landheims umfſassend be- gründet wurde. Die Verhandlungen, die sich daran anschlossen, waren äuherst schwierig und bewegt. Aber dank der fatfkräftigen Unterstützung der Herrn Bankdirektor Frit Weyrauch, Hans Latscha, Dr. Schmidt-Knatz, Dr. Auerbach, Kirchenrat Prof. Bernhard und Prof. Dr. Weidemann sette sich die Uberzeugung von der Nolwendigkeit des Verkauſes allmählich durch, der dann auch im Sommer 1925 unter sehr günstigen Umsfänden(vergl. S. 28) gefätigt wurde.

Das Ergebnis hat die aufgewandten Mühen reich gelohnt. Der Verkauf, bei dem sich Herr Bankier Jakob Wolfl durch seine geschickte Verhandlungsführung noch besondere Verdienste er- warb, brachte uns in den Besit eines beträchtlichen Vermögens, das uns vorher nicht geahnte Möglichkeiten eröffnete.

Wenn es von jeher das Bestreben der Schule war, nie zurückzubleiben, sondern womöglich den anderen Schulen voranzugehen, so bof sich nunmehr eine Gelegenheit, einen auch in der Ge- schichte der Musterschule außergewöhnlichen Schrift vorwärts zu fun. Das Kollegium erkannte die Bedeutung des Augenblicks. Einstimmig die Gedankengänge einer zweiten Denkschrift des Direktors aufgreifend, beschloß es, den bei der Gründung des Landheims ursprünglich mah- gebenden Gedanken der körperlichen, geistigen und sittlichen Ertüchtigung unserer Jugend in

einer den gänzlich veränderten Zeitverhältnissen angepaßten neuen Form zu verwirklichen.

Diesem Zweck sollen vor allem die großen 10 12 tägigen Sfudienfahrten der Oberstuſe dienen, die wir nun seit zwei Jahren erproben eine Einrichtung, die der Herr Minister in den neuen Lehrplänen und in besonderen Erlassen mit Recht als krönenden Abschluß des Unterrichtes wiederholt empfohlen hat. In der Tat bieten die Fahrten eine Fülle sonst nicht gegebener Gelegenbeiten, den außeren und inneren Gesichtskreis der Schüler zu erweitern und zu bereichern, fotes Buch-

wissen zu lebendiger Anschauung zu bringen, in den empſänglichsten Jahren der Jugend bleibende,

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