schichte der neueren Sprachen an unserer Anstalt. Walters Unterrichtsweise ist durch das Wort „direkte Meihode“ viel zu einseitig und zuherlich gekennzeichnet. Lefzten Endes ist sie geboren aus dem großen Umschwung unseres wissenschaftlichen Denkens, das mit dem Sturze Hegels und der Schilderhebung der Herbarf-Sfeinthalschen Psychologie einsetzt. Wie jeder Schaffende, war auch der Reſormer Max Walter ein Kind seiner Zeit. Der Zeitgeist, der sich in der Reſorm des neu- sprachlichen Unterrichts deutlich auswirkte und ihr für lange Zeit seinen Stempel auſdrückte, war, weltanschaulich gesprochen, der des mechanistischen Weltbildes. Jene Zeit ist zu Ende. Unser Volk steht vor neuen Toren, und sein Seistesleben sucht nach anderen Sternen, die zu einem neuen lIage hinleuchten sollon. Damit wöchst die Aufgabe der Musterschule hinsichtlich der modernen Sprachen über die pietätvolle Pſlege dessen, was seine Zeit erfüllt hat, hinaus. Wie der letzte schöne Erſolg der Musterschule zwar aus der Walterschen Tradition erwachsen, aber nicht mehr unter seine Amtszeit föllt, so führt er auch in anderer Beziehung in Neuland, und zwar nicht nur hinsichtlich des praktischen Könnens, sondern vor allem des Verständnisses der Seele der Fremdsprache. Als der Berichterstatter mit acht Quartanern 1924 auf dem Neuphilologentage vor ſast 2000 Fachleufen seine Unterrichtsergebnisse vorführen durfte, da wirkten die praktischen Leistungen der Schüler überzeugender, als es die fheoretischen Ausführungen ihres Lehrers allein häften fun können. Eine hobhe Aufgabe ist es auch für uns, an alte Beziehungen anzuknüpfen, die den Krieg überdauert haben, und Anschluß zu suchen an die Kreise des Auslands, die mit uns an dem Auſbau einer neuen Welt arbeiten wollen. Die als Englandreise ausgeführte Studien- ſahrt unseres Oberstudienrats Dr. Sander im Jahre 1927 möge ebenso ein Baustein zu diesem Gebäude werden wie die unabhängig von der Schule unfernommene Reise einiger Muster- schüler, die in mehrwöchigem Zusammenleben mit französischen Kameraden im Zeltlager von
Compiègne diesen menschlich näbhertreten konnten.
Die neu gestellten Unterrichtsaufgaben gipfeln in dem Begriff der„Kulturkunde.“ Die Sprache ist ihnen Weg zu diesem Ziel. Danken wir es dem Meister, daß er uns zur Erreichung dieses noch umstriftenen, mehr richtunggebenden als praktisch zu formulierenden Zieles die bestmõögliche Ausrüstung geschaffen hat. Die ruhmvolle neusprachliche Vergangenheit soll ihren dauernden Wert darin beweisen, daß von ihr eine gerade Entwicklunglinie zu den neuen Aufgaben führt, die, wenn eine Schlagwortlormulierung versucht werden soll, unser altes Mofto:„Durch Können— zum Kennen“— erweitert durch den die erzieherische Sonderaufgabe unserer Anstalt charakteri- sierenden Zusatz:„zum innersten Verstehen des Fremden wie des Eigenen“ und damit zu einer aus dem Blickpunkt modernen Menschentums orientierten Bildung. Keiner wird dadurch mehr geehrt als der Schöpfer, wenn seinem Werk die Kraft innewohnt, über ihn hinauszuwachsen zu neuem blühenden Leben. Dieses mit all unseren Kräften zu pflegen, ist das hohe Vermöchtnis der neusprachlichen Vergangenbeit unserer Anstalt.
Paul Olbrich.
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