Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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Muſtersprache erteilten. Von ihnen wäre besonders Jules Matthieu, der Nachfolger Solomés, zu nennen. Da die Anstalt als eine Art Privateinrichtung der wohlhabenden Bürger Frankfurts angesehen wurde, von denen ja ganze Familiengenerationen durch sie hindurchgegangen sind, so ist es begreiflich, daß diese großen Wert auf die für ihre Söhne so wichtige Beherrschung des Französischen legten. Diese Oberlieferung riß auch nicht ab, als Frankfurt in Preußen aufging und die Musterschule schliehlich in städtische Verwaltung übernommen wurde. Der von 1867 bis 1896 wirkende G. G. Ihévenot wer Franzose; sein efwas jüngerer Fachkollege Luigi Forte wurzelte gleichfalls im romanischen Volkstum. Trotzdem liegt eine Tragik darin, daß das von den Philanthropinisten schon hundert Jahre früher aufgestellte und bis in die leinsten Verästelungen ausgebaufe nafürliche Lehrverfahren erst, und zwar von ganz anderen Voraussetzungen aus, mit dem Amtsantritt des Mannes seine Erfüllung ſand, der, wie kein anderer zuvor, seinen Namen für alle Zeiten mit der Musterschule, der Methodik des neusprachlichen Unterrichis und der Ent- wicklung des neueren deufschen Schulwesens verkeftet hat: Max Walter. Die Leistung des nun Siebzigjährigen auf dem hier zur Verfügung stehenden Raum zu charakterisieren, wäre Ver- messenheit. Unter ihm wurden die neueren Sprachen an der Musterschule dietragenden Fächer, als welche sie die Neuordnung des höheren Schulwesens demneusprachlichen Gymnasium im Jahre 1924 zuerkannt hat, und es ist dies umso höher zu bewerten, als es Walter gelungen ist, seinen Lehrgebieten diese überragende Stellung zu erobern, ohne dah die Bildungseinheit, die die Schule als Ganzes zu vermitteln sich bemühte, dadurch zerrissen worden wäre. Max Walter dankt seine von Freunden wie Gegnern neidlos anerkannten Erſolge seiner einzigartigen Persön- lichkeit, die in glücklichster Weise Eigenschaften vereinigte, die sonst wohl nur getrennt zu finden sind. Wer diesem Manne, von dem man nicht entscheiden möchte, ob der Mensch, der Erzieher oder der Neusprachler, oder, um dies nicht zu vergessen, der kampſbegeisterte Führer im Streit der Seister der Größite in ihm ist, auf der Höhe seines Schaffens wirklich nahetreten durfte,

war ihm verfallen.

Mit Walter, der ja seine wertvollsten Anregungen als Erzieher in England erhalten hatfe und der die für uns geeigneten Erziehungsgrundsätze der Public School geschickt auf unsere Ver- hältnisse zu dberfragen verstanden hat, fraf die angelsächsische Kulturwelt an unserer Anstalt be- deutsam in den Vordergrund. Begreiflich ist der Stolz, mit dem Lehrer wie Schüler sich als Glieder der Musterschule fühlen lernten. Auch dem Kleinsten ging eine Ahnung dessen auf, was hier geleistet wurde, wenn er die endlosen Scharen der Besucher aus allen Ländern und Rassen in seiner Klasse sah und wenn er in seinem späteren Leben, vor allem im Auslande, merkte, dah die WorteMax Walter undMusterschule eine Zauberformel waren, die alle Türen öffnete. Nicht die geringste Leistung Walters liegt darin, dahß er in seinen engeren Mitarbeitern Wilhelm Dick, dem zu früh aus seinem pflichttreuen Schaffen gerissenen Ernst Pitschel und dem wie wenige mit der englischen Sprache und englischem Wesen vertrauten G. H. Sander die rechten Helfer um sich zu scharen verstand, die in freudigster Hingabe im Geiste des an sich selbst die höchsten Anforderungen stellenden Führers wirkten. Die Zeit nach der Jahrhundert- wende bis zum Ausbruch der Weltkatastrophe bezeichnet einen stolzen Höhepunkt in der Ge-

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