Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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DE MUSITERSCHULE UND DER UNTERRCHTINDEN NEÜUEREN SPRACHEN.

Die Musterschule ist enfstanden aus dem Seiste der Erziehungsreſormer des Zeitalters der Auſ- klärung, die die Geschichte der Pädagogik als die Pbilanthropinisten bezeichnet und deren schöpſerischer Ucheber letzten Endes ein Franzose war: Rousseau. Sleich einem neuen Evangelium erklingt hier die Forderung, dahß die Schule eine Stäfte der Freude und nicht des Schreckens sein solle, jener Freude, die aus einer mit Lust ausgeführten Iötigkeit hervorgeht, dem Triebleben des Kindes entspringt und vom Lehrer unter verständnisvoller Ausnutzung dieser von der Natur gegebenen Voraussetzungen vorsichtig und mit kaum fühlbarem Zwange geleitet wird: Erziehung als freudige Selbstenffaltung der im jugendlichen Individuum angelegten Kröfte. In diesem pädagogischen Neuland, das bald auch noch durch Pestalozzi fruchtbar gemacht werden sollte, mußte man auch den Sprachunterricht auf eine andere, ihm gemöhere Grundlage stellen, als sie in dem logisierenden Verfahren des in synthetischer Betrachtung auf begriffliche Klassi- ſizierung gerichteten, dabei eine UÜberfülle von mechanisch anzueignendem Gedächtnisstoff auf- zwingenden Unterricht in den alten Sprachen damals gegeben war. S0 ging der Betrieb der neueren Spreachen an der Musterschule von Anfang an seine eignen Wege und ist nicht ein vernachlässigtes Anhängsel des klassischen Sprachbetriebs gewesen, wie es sonst lange Zeit sein Schicksal war. Immerhin war es ein Verbängnis, daß die methodisch glänzend durchgebildeten [deen der Philanthropinisten im neusprachlichen Unterricht deshalb noch nicht zur Entfaltung, kommen konnten, weil, im Gegensatz zu den alten, die modernen Sprachen eben erst anfingen. in den Bereich wissenschaftlicher Betrachtung gezogen zu werden. Es fehlte also vorerst an Lebr- kräften, die diese hochentwickelte Methode in Verbindung mit gründlicher eigener Bildung höften in die Tat umsefzen können. Man hall sich an der Musterschule dadurch, daß man Franzosen als Lehrer berief; dies konnte man um so leichter, da ja die Anstalt damals ihre Angelegen- beiten als von Stadt und Staat unabhängige Einrichtung selbständig treffen konnte. Mit den beiden ersten hatte man nicht viel Glück. De Servais frat ganz als nationalbewußter Franzose auf und machte sich unmöglich. Sein Nachfolger, Duchatel, war zwer mit den Grundsätzen der Mefhode wohlvertraut. Da ihm aber das Deufsche immer fremd blieb, war sein Klassen- unterricht doch wenig fruchtbar. Erst in Duvillard erbielt man einen wirklich hochbeſäbhigten erfolgreichen Lehrer. Aber auch er ging in Uofrieden, denn die Zeit hochgespannten deufschen Selbstgefühls, die mit den Befreiungskriegen anbrach, war seinem im französischen Vaterlande wurzelnden Stolze unerträglich. Sein Nachfolger Solomé war zwar gleichfalls Franzose; doch hatte er sich auf deufschen Hochschulen eine gründliche Bildung erworben und geistvolle Ge- danken ausgearbeitet, wie der moderne Sprachunterricht auf Pestalozzis Ideen auſbauen könne. Nach ihm, der den französischen Unterricht von 1822 bis 1841 erteilte und allerdings als Theo- retiker mehr leistete als in der Praxis, verzeichnet die Geschichte der Musterschule noch eine Reihe von Franzosen, die, und zwar meist als auherordentliche Lehrer, den Unterricht in ihrer

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