—22-
lernen aus der Geschichte erkennen, wie die Menschen notwendig aus natürlichem Bediirfiiis dazu gekommen sind, Gemeinschaften zu bilden, um im Interesse ihrer eigenen Sicherheit ein ihren Bedürfnissen angemessenes Dasein führen zu können, wie sie als Grundlage solcher künst- licher Gemeinschaften ihre natürlichen Gemeinschaften selbstverständlich gewählt haben, ivie aus der natürlichen Vereinigung der Familie, des Geschlechts und des Stammes das Volk als Staat hervorgegangen ist, der die einzige Gewähr für alles sittliche Leben bietet. Weiter sehen wir aus der Geschichte, wie diese Staaten, auch die allerfrühesteii und unvollkommensten dem Einzelnen Satzungen auferlegt haben, die seinen eigeneii Willeii einschräukten, damit er mit den Anderen sich der eigenen iingefährdeten Sicherheit erfreue, denn gerade das natürliche Bedürfnis nach ungeschädigter, sicherer Gxisteiiz warv ja die erste Triebfeder zur Staatenbildung Wie dann diese menschlichen Gemeinschasten experimentierten, bald in dieser, bald in jener Forni versuchten, ihr Besteheii zii behaupten und die Bedürfnisse ihres Daseins zu befriedigen; wie unter dem treibenden Einfluß dieser Bedürfnisse und unter dem Schutz der voii der staatlichen Gemeinschaft gewährten Sicherheit der menschliche Geist begann, sich seine natürliche Umgebung zu Nutz- zu machen, um das Leben zu verbessern, zu verschönern, um die Zustände bequemer, gesunder, angenehmer, in jeder Beziehung den menschlichen Trieben und Bedürfnissen angemessener zu machen; wie überhaupt die geistigeii Fortschritte der Menschheit nur innerhalb der schiitzeiiden Grenzen der Gemeinwesen möglich geweseii sind. Wir sehen auf diesem Wege Gewerbe, Handel, Verkehr, Kunst und Wisseilschast entstehen und wachsen.
Dieser Entwicklungsgang zeigt uns, dass das Lebeii des einzelnen Menschen abgesondert von den übrigen undenkbar ist, weil der Einzelne durch seine natürlichen Triebe, vor allein den Selbsterhaltungstrieb, darauf angemieseii ist, den Schutz und Beistand der Mitmenschen zii suchen und ihre Feindschaft zu meiden· Wir finden so die Wahrheit des Aristotelifchen Ans- spkuches bestätigt:»Wer nicht im Stande ist oder nicht das Bedürfiiis hat, aii der Gemein- samheit teilzunehmen, weil er sich selbst genügt, ist entweder Tier, oder Gott«
Die Satzungen, welche als älteste Staatsgrnndlagenjiach allgemeiner Vereinbarung ziim Schutze der Einzelexistenzen getroffen wurden, sind die Anfänge und Grundsätze alles dessen, was wir Sittlichkeit nennen. Sie verbieten die Schädiguiig des Anderen-damit jeder Einzelne ver solchen Schädigungen sicher sei; und durch das Einstehen Aller lsür Einen, durch die staat- liche Gemeinschaft, werden diese Satzungen garantiert. So stellt sich das Sittengesetz historisch als ein Produkt der menschlicheii Vernunft dar, als notwendig und logisch hervorgegangen aus dem Bedürfnis nach eigenem gesichertem«Daseiii, und gründet sich auf eine Gegenseitigkeit, die dem»Egoismus schnurstracks zuwider läuft. So erklärt sich durch die geschichtliche Entwicklung die immer zunehmende Steigerung der sittlicheii Forderungen, die immer größere Vielfeitigkeit und Klarheit der gesetzlichen Vorschriften.»
Wir sehen weiter, wie nach Entstehung solcher natürlichen Conglomerate von einzelnen Menscheii,·die wir menschliche Gemeinschaften oder Staaten nennen, diese Staaten selbst wieder als Einheiten, als handelnde Personen austreten, besorgt für» ihre und der Jhrigeii Existenz, Sicherheit und Wohlfahrt. So wie die einzelnen Weseii erst untereinander feindselige Rei- bungeii durchzumachen hatten, bis sie sich um ihrer eigenen Sicherheit willen zur Gemeinschaft entschlossfen,- so reiben sich nun auch die Völker und Staaten aneinander, wenn ihre Interessen oder diejenigen ihrer Angehörigen durch gegenseitige Einflüsse geschädigt erscheinen» Statt des Emzelkampfes haben wir dann den Völkerkampf, den Krieg.
d WILan diese Weise die Geschichte kennen gelernt hat, gelangt zu der Ueberzengung, ksä ZUMchsk alle sittlichen Forderungen ein unbedingtes Muß sind, keine willkürlichen von außen den spenden Vorschriftefn, sondern unvermeidliche Erzeugnisse der geschichtlichen Entwicklung, aus licheätlnersten Bedürfnissen des Menschen hervorgegangen, daß der Staat als Hort dieser sitt- halteuszdzUngen bestimmte Ansprüche an das einzelne Mitglied stellt, in Bezug aus« sein Ver- Menschen unjkmäljliamkeit und dem einzelnen· Glied gegenüber. Dies» sind die Pflichten des
urgers. So wird die Geschichte eine Lehrerin der Sittlichkeit, indem sie uns


