Aufsatz 
Geschichtskenntnis und allgemeine Bildung / von Friedrich Noack
Entstehung
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schreibung auf, und immer mehr bricht sich die Wahrheit Bahn,·daß die Beschäftigung mit der Geschichte als Wissenschaft ebeii so gut volle und ungeteilte geistige Kraftluiid Arlieit erfordert wie jede andere Wissenschaft auch. Jetzt schoii kannman denWahn als» überwunden betrachten, daß jeder, der überhaiipt in der Schule thätig war, auch Historiker sein oder wenigstens die Geschichte für die Schule bearbeiteii könne. Aber erst in jüngster Zeit habeii wirkliche Historiker sich der Bearbeitung dieses Faches für Unterrichtszwecke an«geiiommen,jwie der kürzlich verstor- bene Herbst, Professor in Halle. Nur aus diesem Wege ist es möglich, daß die in der histo- rischeii Wissenschaft ruhenden Bildungsinittel zur Geltung und Wirkung gelangen, während vor- dem der geschichtliche Unterricht im allgemeinen sich darauf beschränkte, das Alleränßerlichste da- von, ein zusammenhangloses Stückwerk, der Jugend einzuprägen, und sich damit begnügte, die Köpfe der Schüler mit Zahleii, Namen und allenfalls patriotischeii Phrasen zu sülleii. Heut- zutage muß der Geschichtsunterricht etwas anderes leisteii, wenn er dem Zwecke der allgemeinen Bildung dienen soll.. i

Die allgemeine Bildung besteht in der Fähigkeit, an den Arbeiten»der Gegenwart im Sinne unserer augenblicklichen Kulturentwickelung teilzunehmen. Oiiir derjenige vermag dies, der diese Gegenwart versteht, der ihren Standpunkt in sittlicher, soeialer, politisch-er, wissenschaft- licher und unendlich vieleii anderen Beziehungen richtig erkennt; Was sur·Voraussetziiiigen und Anforderungen das Leben und Treibeii der Gegenwart in einzelnen Gebieteii, z. V, denl Handel, Gewerbe, der Einzelwissenschaft u. s. w. enthält, das hat mit der allgemeinen Bildung nichts zu thun, das ist Sache der Fachbildung. Aber etwas·Geme»1U»sames habeii die Vertreter der verschiedensten Verufsarteii, mdgen sie heißen, wie sie wollen: sie alle sind Menschen u nd Bürger. Wie sie als solche die Gegenwart mit allen ihren Mäiigeln und Vorzügeii, Strömungeu und Bestrebungen, Einrichtungen und Satzungen zu verstehen haben, das ist Sache der allgemeinen Bildung.« ·

Die Gegenwart läßt sich aber nur begreifen aus der Vergangenheit, aus der»Geschichte; denn sie ist nichts fest in sich begrenztes, was M sich bfetrckchtet Und Friaßt werdeii konnte, fon- dern nur ein Punkt, aber kein Ruhepunkt, in der geschtchtllchen EUtWIckeIUUg- Was heute Ge- genwart ist, erscheint morgen als Vergangenheit Die Gegenwart ist das Gewordene und von neuem Werdende, nur ein Stadium des Werd»eiis. Zum Verständnis des Gewordenen gehört aber vor allem eine genetische Erforschiing desselben, d. h. in diesemjfalle ein Erkennen der Vergangenheit nach ihrer ununterbrochenen Entwicklung Jn diesem Siniie ist die Geschichtg- kenntnis ein unentbehrlicher l)ochwtchtlge,r Vettmldtell der allgememett· VIldIMg, denn all unser geistiges und sittliches Vermögen, das fxch zUTIT Wohl der Menschhelt- zur ·Wetterbeforderung ihrer kulturellen Lage verwenden läßt, ist glelchfkllls»das PVOdUkt der htstvrtscheii Entwicklung Wer mit diesen Fähigkeiten arbeiten will, muß ftch Uhek diesestn klar sem- Und dlese Klarheit verschafft ihm wieder die historische Vilduiig, denn»die Geschichte ist das Bewußtwerden und Bewußtsein der Menschheit über sich selbst-«« OWNER-)»

Jch versuche, dies iin Einzelnen zu entwicketn, Ohne aUf exschopfende Darstellung An- spruch zu machen. Wer mit Bewußtsein selbstständig M den Arbeiten derGegenwart teilneh- men will, muß diese Gegenwart verstehen, er muB flch selslek fslbit UJW femex Stellung inner- halb der gegenwärtigen Gesellschaft bewußt sein. Dazu fuhrt ihn die Beschäftigung mit der Geschichte. Denn wie die Naturwissenschaft uns das naturliche vom menschlichen Willen nicht beeinflußte Leben der Erde mit Allem, was daraus lebt Und webt, der Tier- und Pflanzen- welt, nachweist und darstellt, so führt uns die Geschichte das»Leb»en und fdie Entwicklung der Menschheit vor. Menschenwerk ist der Gegenstand der g»esch1c·htllchetl Wissenschaft, aber nicht das, was der Einzelne für sich gethan, sondern was er sur die Gesammtheit und in der Ge- sammtheit gethan hat, und was diese Gesammtbett selber gethan und erlebt hat, was sie gewesen und geworden ist. Die Geschichte-· zelgt Uns- Wle aus Unscheinbaren Anfängen die augenblicklichen Lebensformen der Menschheit entstanden, durch menschliche Arbeit immer weiter vervollkommnet nnd schließlich zu dem geworden sind, als was sie sich uns heute darstellen. Wir

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