26
——
der Halbinsel kaum einen hervorragenderen Abschnitt, auf den nicht irgend ein sichtbares Erinnerungszeichen in dieser unvergleichlichen Gegend zurückwiese! Wie viele Gedanken weckt nicht allein Fiesole(das alte Faesulae), das drüben, 3 Km von Florenz, am Aus- gang des Apenninenpasses in überaus reizender Lage auf reichbebautem Hügel weithin ins Thal herableuchtet. Seine Gründung durch die alten Etrusker geht in eine uralte, der römischen Kulturepoche weit vorausliegende Zeit zurück. Zu seinen Füssen wurde von den Römern Florenz gegründet, das ursprünglich nur ein Markt von Faesulae in der Fluss- ebene war. Dort bei Faesulae besiegten nach dem ersten punischen Krieg die Scharen der Gallier die Legionssoldaten des aufstrebenden Roms, dort erschien 7 Jahre später Hannibal, um seinen in Oberitalien begonnenen Siegeslauf zunächst in Etrurien am Trasi- menus fortzusetzen und die römische Republik in ihren Grundfesten zu erschüttern. Eben- dort hatte gegen das Ende der Republik Catilina, der furchtbarste innere Feind, den Rom gehabt hat, seine ruchlosen Genossen gesammelt, um bald darauf einige Meilen weiter bei Pistoria, heute Pistoja,— das ebenfalls unserm Auge sichtbar ist— in verzweifeltem Kampf den wohlgeschulten Legionen zu erliegen. Und wiederum bei Faesulae war es, wo Stilicho im Streit mit Radagais noch einmal die Ehre des römischen Kaiserstaates rettete, wo dann aber auch bald Alarich in 3 aufeinanderfolgenden Jahren seine Gothen unaufhaltsam gegen Rom vorüberführte. Aber mitten in diesen Stürmen der Völkerwan- derung ward hier an dieser Stelle, wo sich jetzt der Dom erhebt, die Kirche Santa Re- parata erbaut, und bald schwingt sich durch Handel und Industrie die„blühende Stadt“ zu einer der ersten in Italien empor. Im Ringen mit den deutschen Kaisern— hier starb Heinrichs IV. unglücklicher Sohn Konrad— und mit den übrigen italienischen Städten erstarkt die Kraft und der freibeitliche Sinn. Hier wurde im Jahre 1265 Dante, der grösste und geistvollste Dichter Italiens, geboren. Hier toben dann bis ins 15. Jahrhun- dert hinein die wütendsten Parteikämpfe, bis dann die Mediceer ihre Herrschaft fest be- gründen und auf italienischem Boden ein neues perikleisches Zeitalter heraufführen. In Florenz war damals die eigentliche Heimat der Kunstblüte, hier bhaben die hervorragend- sten Meister, Michel Angelo, Rafael, Leonardo da Vinci und andere, entscheidende Jahre ihrer künstlerischen Entwicklung zugebracht. Dass auch die Wissenschaft in diesen Mauern nicht vernachlässigt wurde, bezeugt die berühmte bibliotheka Laurentiana, die an die alte, von Ambrosius geweihte Kirche San Lorenzo, 300— 400 Meter von uns entfernt, angebaut ist. Kann man die Blüte auf dem Gebiete der Kunst schon eine Reformation nennen, so steht die Stadt, wie wir gesehen haben, auch der Reformation des religiösen Lebens nicht fern. Hier wirkte und hier starb, wie schon erwähnt ist, Savonarola; dieser Stadt entstammt aber auch— nur wenige Schritte von hier, dort im Mediceerpalast, dessen Dach aus dem Häusermeer hervorragt, ist sie vielleicht geboren— Katharina von Medici, die Gemahlin Heinrichs II. von Frankreich, die vielen glaubenstreuen Hugenotten in der Bar- tolomäusnacht einen blutigen Untergang bereitete. Bis in die Neuzeit hinein spielt die Stadt gar oft eine wichtige Rolle, bis sie im Jahre 1865 zur Residenz des Königs von Italien erhoben ward, eine Stellung, die sie 1871 an Rom abtrat. Und noch heute ist sie die lieblichste unter den italienischen Metropolen und nach Rom, namentlich in kunstge- schichtlicher Beziehung, die erste Stadt des geeinigten Königreichs. Solcherlei Betrachtungen sind es, die der Anblick der bella Firenze und ihrer Umgebung erweckt. Sie bildeten auch von meinem nun zu Ende gehenden Aufenthalt in Italien einen erhebenden Abschluss.
—)—ſſſſſſ


