Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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Nachdem ich mich oben auf der Domkuppel von meinen Gefährten verabschiedet hatte, eilte ich dem Bahnhofe zu, um die Heimfahrt nach Deutschland anzutreten: etwa um 6 Uhr Abends war ich in Genua und um 10 Uhr in Mailand, von wo ich am näch- sten Tage, dem 11. April, weiterreiste, um gegen Abend in Karlsruhe einzutreffen.

Zum Schluss noch einige kurze Bemerkungen. Ich habe mich zwar in den obigen Mitteilungen soviel wie möglich bemüht, Land und Leute von der freundlichsten Seite dar- zustellen; dass aber von dem Reisenden in Italien auch mancherlei Missstände in Kauf zu nehmen sind, ist öfter angedeutet und von jedem der Mitreisenden mehr oder weniger em- pfindlich erfahren. Sind doch einige Herren der Reisegesellschaft um erhebliche Summen bestohlen worden. Wer beim Kaufen, namentlich auf offener Strasse, ohne weiteres den geforderten Preis bezahlte, musste darauf gefasst sein, um den dreifachen Wert geprellt zu sein. Dass in Italien das Betteln so weit verbreitet ist die hohe Schule der Bettelei ist ja Neapel, wurde auch nicht gerade als ein Vorzug empfunden. Und so liessen sich noch andre Mängel des italienischen Lebens namhaft machen, die dem Reisenden nicht lange verborgen bleiben können. Ich glaube indessen nicht, dass die meisten von uns mit geringschätziger Meinung von dem italienischen Volke in die Heimat zurückgekehrt sind. Vielmehr haben wir wohl fast alle den Eindruck gehabt, dass es trotz der immer noch un- zureichenden Schulbildung ein wohlbegabtes ist und dass den Schattenseiten mancherlei Lichtseiten gegenüberstehen, von denen auch wir Deutsche lernen können, wie ja denn auch ein gutes Stück unserer Kultur von dort gekommen ist. Der feine Sinn für die Form, die Anmut der Bewegungen, die Natürlichkeit und Lebhaftigkeit im ganzen Gebahren, der meist frobe und heitere Sinn, die Freude an Unterhaltung, Scherz und Gesang, die Mässigkeit im Genuss: das alles zeugt von einer glücklichen Beanlagung. Und hätte nicht Jahrhun- derte lang in den meisten italienischen Staaten ein trauriger Despotismus mit Freiheit und Nationalgefühl auch alle wahre Sittlichkeit erstickt, das Volk würde sich gewiss heute auch in den niederen Klassen eines höheren Bildungsstandes zu erfreuen haben.

Dass übrigens nicht jedem eine Reise nach Italien zu empfehlen ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Mancher schon ist von dem, was er dort gefunden hat, enttäuscht gewesen, mancher hat dort vermisst, was ihm in der Heimat unentbehrlich geworden war; es kommt eben ganz auf die persönlichen Neigungen und Verbältnisse an.

Ich hatte viel Gutes und Schönes gesehen, meine Reise fiel in die geeignetste Jah- reszeit und war auch sonst in mancher Hinsicht von den Umständen begünstigt gewesen. Dennoch zog es mich nicht über die Alpen zurück, als ich wieder deutschen Boden be- trat, auf dem nun auch der Frühling seinen Einzug hielt, und zum erstenmale wieder in einer deutschen Stadt und in einem deutschen Hause ruhen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass, wenn der Himmel auch nicht so freundlich auf uns herableuchtet, doch das Leben unter deutschem Himmel trotz mancher bedenklichen Erscheinung im ganzen noch auf einer viel breiteren und festeren Grundlage ruht als jenseits der Berge und dass die Vor- züge Italiens bei uns von Gütern andrer und höherer Art mehr als aufgewogen werden.

Möchte das deutsche Volk mit diesem Wunsche schliesse ich es jederzeit als seine vornehmste Aufgabe betrachten, diese seine nationalen Güter wie kostbare Vermächt-

nisse zu wahren und zu mehren! Prof. Dr. Carl Müller.

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