Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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lazzo Pitti zu widmen. Es würde auch hier zu weit führen, auf das Einzelne einzugehen. Ich will nur daran erinnern, dass unter den Skulpturen der Uffizien sich sehr bedeutende Originale befinden, so die Mediceische Venus, von grossem Liebreiz, die allerdings, als Göttin betrachtet, der Melischen und Knidischen nicht an die Seite gestellt werden kann; ferner die ganze Niobidengruppe, die in einem besonderen Saale aufgestelllt ist. Sie ist eine römische Copie nach der berühmten Gruppe des griechischen Künstlers Skopas aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. und bildete, wie die geringe Tiefe sämtlicher Figuren zu be- weisen scheint, wahrscheinlich eine Giebelgruppe. Nicht minder bekannt sind die beiden Ringer, von denen man sehr häufig Copien sieht, ein Werk, in dem der sogenanntefrucht- bare Moment, nämlich die Ruhe in der Bewegung, recht deutlich zur Anschauung ge- langt. Was uns besonders noch auffiel, war die grosse Menge von Sarkophagen aus grie- chischen, römischen und etruskischen Gräbern, die unterhalb der Statuen an den Wünden der Säle einer an den anderen sich reihten. Auch die Gemäldesammlaung der Uffizien hat köstliche Perlen aufzuweisen, nicht bloss von Rafacl, z. B. das Bild des Papstes Julius II., ferner von Tizian, von Lionardo da Vinci, sondern auch von Albrecht Dürer, z. B. die Anbetung der Könige, von Rubens und andern auswärtigen Künstlern.

Bald nach dem Mittagessen machten wir uns wieder auf und gingen auf dem ponte vecchio über den Arno, um die hochberühmten Gemälde des Palazzo Pitti noch in Augenschein zu nehmen. Nachdem wir zuvörderst die Façade des ebenso gewaltigen wie einfachen und harmonischen Bauwerks bewundert hatten, das eins der grossartigsten Vor- bilder der Frübrenaissance geworden ist, betraten wir die herrliche Gallerie, die zu den berühmtesten Gemäldesammlungen der Erde zählt: birgt sie doch 13 Bilder von Rafael, ebensoviel von Andrea del Sarto, einige Hauptwerke von Tizian und viele andre. Die Säle, die ihre Namen von den allegorischen Deckengemälden haben(z. B. Iliassaal, Ju- pitersaal), entfalten eine Farbenpracht, die auf den Beschauer fast berauschend wirkt. Da galts die kostbaren Minuten denn nur bis 4 Uhr war die Besichtigung gestattet recht zu benutzen. Doch hat mich von allen Perlen der italienischen Kunst keine länger und in höherem Masse gefesselt, als Rafaels berühmte, in Rom gemalte Madonna della Sedia in dem bekannten Rundbilde, die von manchen Kennern neben, ja über die sixtinische Ma- donna gestellt wird. Erscheint uns jene in ihrer überirdischen Schönheit von fast unnah- barer Erhabenheit, so kommt uns diese in dem innigsten Mutterglück, das aus der ganzen Haltung und dem lieblichen Antlitz spricht, bei aller Hoheit, die ihr Wesen atmet, mensch- lich näher. Auch hier fiel mir der Unterschied zwischen Kopie und Original auf: Diesen Ausdruck des Auges, diesen Farbenschmelz des Angesichts hatte ich noch auf keiner Kopie gefunden, und es möchte wohl kein noch so talentvoller Maler im stande sein, sie dem gottbegnadeten Künstler nachzubilden.

Mit diesen Eindrücken verliessen wir den Palazzo Pitti, und damit waren unsre künst- lerischen Bedürfnisse, wenn ich so sagen darf, befriedigt. Nun machte sich das Verlangen geltend, die reizende Natur rings um Florenz kennen zu lernen. Die Sonne, die am Mor- gen ausnahmsweise durch Regengewölk verhüllt gewesen war, schien nun recht hell und freundlich und lockte hinaus ins Freie. Ein freundliches Geschick führte uns nach einer Stelle, wo wir die Herrlichkeit, die um und über Florenz ausgegossen ist, am besten über- schauen konnten. Im Süden der Stadt auf dem linken Ufer des sanftfliessenden Arno hat man auf einem mit reizenden Anlagen geschmückten Hügel einen geräumigen Platz ge-