. 206.. hellblaue Färbung an, und durch die Lichtbrechung erscheint auch die Wölbung in eigen- tümlicher Beleuchtung, die freilich nicht zu jeder Tageszeit gleich günstig ist. Im Wasser aber erscheint alles, besonders der menschliche Körper— gewöhnlich badet bei grösserem Besuche ein Knabe im Hintergrunde— in vollständiger Silberfärbung. Doch hat man nicht lange Zeit sich umzusehen, denn immer neue Boote erscheinen und begehren Einlass. Etwa 40— 50 waren ununterbrochen mit Hin- und Riick-, Ein- und Ausfahrt beschäftigt, so dass das Treiben dem an einem Bienenkorbe oder Taubenschlage gleicht, ein Bild, das durch die malerischen Trachten der Schiffer noch anziehender wird. Als alle Passagiere wieder an Bord waren, landeten wir bei Marina grande und fuhren hinauf in das grosse, wohlgelegene Hotel Quisisana. In einer weiten, offenen Halle nahmen wir Platz zum fröhlichen Mahl, vor uns die herrlichen Palmen und duftenden Blumen des ausgedehnten Gartens, während das Auge zur Rechten in den Golf von Neapel, zur Linken in die weite blaue See hinausschweifte. Wir fühlten, dass diese Stunde ein Glanzpunkt in unserm Leben sei, darum füllten wir zum Schluss noch einmal die Gläser mit edlem Falerner und nah- men in fröhlicher Stimmung Abschied, jedoch nicht ohne den berühmten Café Hiddigeigei besucht zu haben, in dessen Räumen von Scheffel und manchem deutschen Künstler viele Spuren der hier verlebten heitern Tage zu finden sind.
Von Capri trug uns die Najade in kurzer Zeit nach Sorrent hinüber, das sich in- mitten einer üppigen Vegetation auf dem etwa 50 Meter hoben Felsenufer erhebt. Es ist Tassos Vaterstadt, dessen Statue den Marktplatz schmückt, während sein Vaterhaus nebst dem Felsen, der es trug, längst im Meere versunken ist.
„Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und boch der Lorbeer steht.“ Auf keine Gegend, die wir berührt haben, möchten diese Worte des Dichters und die darin enthaltene Stimmung besser passen als auf Sorrent. Hier und in der Umgegend ist gut weilen, und Tausende von Fremden suchen hier im Sommer Erholung im dolce far niente, in erquickenden Bädern und lohnenden Ausflügen in die herrliche Halbinsel. Heiter verflossen die Abendstunden, die uns noch Gelegenheit boten, den bekannten Nationaltanz, die Tarantella, und andre echt italienische Spielc, besonders mimischer Art, anzuschauen.
Am andern Morgen brachte uns die letzte gemeinschaftliche Wagenfahrt auf der schönen Strasse, die in halber Bergeshöhe stets dem Meeresufer folgt, über Castellamare nach Pompejji. Bevor wir die Gräberstadt besuchten, nahmen wir in dem bekannten Ho- tel de Suisse das letzte gemeinsame Mahl ein, denn hier sollte— so war es von vornher- ein bestimmt— die Karawane sich auflösen. Den Schluss bildete die Besichtigung der Ausgrabungen, über die ich noch einige Bemerkungen folgen lasse.
Im Altertum am Meere gelegen, eine Handelsstadt mit etwa 30,000 Einwohnern, auf einem uralten Lavastrom von Griechen gegründet und infolge der Samniter-Kriege dem römischen Reich einverleibt, wurde Pompeji bekanntlich schon im Jahre 63 nach Christo von einem Erdbeben zum grossen Teil zerstört, und bevor es völlig aufgebaut war, im Jahre 79 bei einem plötzlichen Ausbruch des Vesuvs, den man damals als Vulkan nicht kannte, durch einen Regen von Bimsteinbrocken in Höhe von 2—3 Meter und dann durch einen Aschenregen in Höhe von 1—2 Meter begraben.
Ausgrabungen haben schon gleich nach der Verschüttung Jahrhunderte lang statt-


