Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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so dass ein Herr sogar längere Zeit auf einem Ohre taub war. So zogen wir uns wieder nach der Station zurück und traten von hier bald die Rückfahrt an, die uns ganz nahe an dem Lavastrom vorüberführte, so dass wir die kleinen Flammen deutlich blitzen sahen.

Für die beiden letzten Tage war nun noch die Fahrt über den Golf nach Capri und Sorrent, von dort eine Wagenfahrt nach Pompeji vorgesehen.

Von der berühmten, oder soll ich sagen berüchtigten, Hafenstadt Santa Lucia wur- den wir am nächsten Morgen in leichten Gondeln auf das Schiff befördert, das den Ver- kehr im Golf vermittelte; es war zu unserer Freude ein deutsches, die Najade. Und ein sehr belebtes und ergötzliches Bild war es, das sich nach dem Betreten des Schiffes unsern Augen darbot. Eine grosse Anzahl von Booten fuhr hin und her, mit den verschieden- artigsten Passagieren besetzt. Auf einmal wurde zwischen den Fahrzeugen ein Taucher sichtbar, der nun anfing die Anwesenden besonders die Damen auf dem Schiff in franzö- sischer Sprache um kleine Münzen anzubetteln. Die wurden ihm auch reichlich zugewor- fen, doch so, dass er sie oft in weiter Entfernung aus dem Wasser herausholen musste, was ihm aber stets mit unfehlbarer Sicherheit gelang. Sobald er das sinkende Geldstück unten im Wasser ergriffen hatte, steckte er es zwischen die Zehen: war er dann empor- getaucht, warf er durch eine Kopfbewegung das lange, triefendo Haar zurück, holte die Münze mit der Hand heraus und bielt sie triumphierend empor, worauf er sie in seinen Backentaschen verschwinden liess, die dann zuletzt vollständig gefüllt waren. Das hielt ihn aber nicht ab, fortwährend weiter zu rufen: monnaie madame! und weiter zu tauchen, bis die Najade auf die hohe See hinausdampfte.

Nun erst konnten wir die unvergleichliche Aussicht recht geniessen. Was uns aber nicht minder entzückte, war die ganz eigentümliche, tiefblaue Farbe des Meeres, die mit dem leichten, weissen Schaum der Wogenkämme wunderbar kontrastierte. So fuhren wir, fern von dem Staub der Strasse, durch die reine, weiche und doch frische Luft in grader Richtung auf Capri zu, dessen malerische Felsen näher und näher rückten: zur Linken schroff ins Meer abstürzend der hohe Fels mit den Trümmern des Palastes, wo der Kai- ser Tiberius die letzten zehn Jahre seines Lebens, mit Misenum wechselnd, in menschen- verachtender Einsamkeit lebte, etwa in der Mitte der Insel der höchste Punkt, der Monte Solaro, und zwischen beiden in tiefer Einsattelung die Stadt Capri.

Zunüchst steuerten wir der berühmten blauen Grotte zu, der grotta azzurra, die, wie der Hauptlandungsplatz, auf der Nordseite vor uns lag. Die See war günstig, und so er- schien bald ein zweites Schiff, das sich wie unsere Najade etwa 60 Meter vom Eingang der Grotte vor Anker legte. Da sämtliche Passagiere von beiden Schiffen die Grotte be- sichtigen wollten, so dauerte der Aufenthalt hier etwa zwei Stunden, und man hatte Musse genug, das Leben und Treiben zu beobachten. Da der Eingang zur Grotte über dem

Meeresspiegel nur ein Meter hoch und auch nicht sehr breit ist, so kann immer nur ein

Nachen mit 2 Personen ausser dem Schiffer hineingelangen. Man muss sich auf den Bo- den des Nachens niederlegen, der Schiffer aber muss eine besondere Ubung haben, in dem rechten Augenblick, da die See nie ganz ruhig ist, durch einen Druck sein Fahrzeug hin- einzubefördern. Es ist aber auch lohnend, das Innere zu betrachten, das ungefähr 50 Meter lang und 30 Meter breit sein soll, die Grössenverhältnisse täuschen hier leicht

und etwa zehn Boote aufnehmen kann. Im Gegensatz zu dem des Golfs nimmt hier das Wasser eine unbeschreiblich schöne

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