18 kürlich denkt man hier an des Italieners überschwängliches Wort: Neapel sehen und sterben. Indessen wandelt man nicht ungestraft unter Palmen. Als wir von unserer Rund- fahrt zurückkamen, waren wir derartig eingestaubt, dass es auf einem Exerzierplatz der Mark Brandenburg nicht vollständiger hätte geschehen können.
Den Schluss der Reise sollten Ausflüge in die weitere Umgebung von Neapel bil- den, zunächst nach dem Vesuv. Unsere Besteigung des Vulkans war mit keinerlei Stra- pazen verbunden, da sie fast ganz zu Wagen zurückgelegt wurde, die uns am Morgen aus dem Hotel abholten und gegen Abend wieder dorthin zurückbrachten. Die Hinfahrt ging durch die östlichen Vorstädte Neapels am Meeresufer hin, durch Portici nach Resina, das auf den Lavaströmen erbaut ist, die dus alte Herculaneum decken. Hier war fast jeder Wagen von einer Bettlerschar umringt: Tagediebe, Krüppel, Blinde, von ihren Führern geleitet, Knaben, singend, radschlagend, auf den Händen gehend, begleiteten uns lange Strecken und waren gar nicht ungebalten, wenn ihnen zuletzt keine Gabe verabreicht wurde: so ist hier das Betteln zur Gewohnheit geworden. Als dann der Weg durch Gärten und Weinberge, in denen der berühmte Wein Lacrimae Christi wächst,— in einer am Wege liegenden Osteria wurde er gekostet— aufwürts stieg, wurden wir von Sängern und Musikern geleitet, die unermüdlich ihre Weisen vortrugen. Später ging, im Gegen- satz dazu, der Weg stundenlang durch einsame, grauschwarze Lavafelder, wo alle Vege- tation erstorben war. Man konnte die verschiedenen grösseren Ausbrüche an den erstarrten Lavaströmen, die wie Dämme den Vesuv hinablaufen, deutlich unterscheiden: einige reich- ten bis in die Gärten der untenliegenden Ortschaften. Und alle möglichen Formen hatte die Lava bei ihrer Erkaltung angenommen: kleine Hügel und Schluchten, Blöcke, Schlacken, schlangenartige Bildungen wechselten mit einander; hier und da sah man weisse Stellen, wie frisch gefallenen Sechnee, das war Schwefel, der sich dort niedergeschlagen hatte. Im übrigen herrscht die grösste Einförmigkeit. Unser Kutscher, der offenbar ein armer Pro- letarier war, aber seinen Humor nicht verloren hatte, verkürzte sich und uns die Zeit mit italienischen Liedern, die er mit einer ganz guten Tenorstimme vortrug, natürlich gleich- zeitig auf den Geldbeutel der Passagiere spekulicrend. Denn als ihm einer anerkennend zu- rief: primo tenore! antwortete er: si, primo tenore in mangiar di maccheroni, womit er auf ein zu erwartendes gutes Trinkgeld hindeutete, da maccheroni(Makkaroni) auch das Trinkgeld bedeutet.
So gelangten wir in einer Höhe von etwa 700 Metern an das meteorologische Ob- servatorium, wo der Physiker Palmieri im Jahre 1877 beim Ausbruch unter der grössten Lebensgefahr ausgeharrt hat, und kamen von dort an das von dem Engländer Cook an- gelegte Restaurant am Fusse des Aschenkegels. Dort wurde in hochromantischer Situation mit vielen andern Fremden der Lunch eingenommen; dann gings mit der Drahtseilbahn eine gute Strecke aufwärts, worauf wir noch 15 Minuten durch schwarze, noch warme Asche, die bis an die Knöchel reichte, nach dem Kraterrande zu Fuss zu gehen hatten. Ein Blick in die Tiefe des Kraters war uns, des allenthalben aufsteigenden Rauches wegen, leider nicht vergönnt, gleichwohl war unser Standort nicht uninteressant: vor uns der rauchende Schlund, von dem uns nur der hohle Rand trennte, und tief unten zu unsern Füssen das lachende Paradies am Ufer des Golfs. Der Wind hatte bisher den Rauch von uns weggeführt; als er dann ein wenig umsprang, wurden wir ganz mit Asche bestreut,


