Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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im Golde der Abendsonne, die langsam über dem Golf zu Rüste geht. Auch in unsern Zug flutet ihr Licht, das uns hier viel heller erscheinen will, durch blühende Gartenan- lagen machtvoll herein. So fuhren wir, aufrecht stehend und nach beiden Seiten aus- schauend, etwa um 7 Uhr abends in den Bahnhof von Neapel ein.

Neapel. Grosser Lärm empfängt hier bekanntlich den Reisenden: Packträger, Droschkenkutscher, Hoteldiener, alles schreit hier viel lauter als anderswo durcheinander und bietet den Fremden in nicht gerade zarter Weise seine Dienste an. Es war gut, dass alles vorbereitet war: so erreichten wir schnell die auf der Vorderseite des Bahnhofs stehenden Wagen.

Auch die Strasse bot ein viel belebteres Bild als in Rom und den nördlichen Städten: auf dem breiten Fahrraum in der Mitte wimmelte es von Fuhrwerken aller Art, gross und klein, die meisten zweirädrig, mit Pferden, Maultieren, Eseln, Ziegen bespannt, viele mit Menschen überladen, fast alle im schnellsten Tempo lustig dahinfahrend. So bald es der Raum gestattet, fährt der Neapolitaner auch in der Stadt gern im Galopp, ohne an Scho- nung seiner Tiere zu denken, das liegt in seinem lebhaften, etwas zur Grausamkeit neigen- den Temperament. Ein Tierschutzverein müsste hier reichlich zu thun haben.

Alles trägt in Neapel ein fremdartiges, südliches Gepräge, und so zog es uns nach dem Abendessen bald hinaus ins Freie. Was uns beim Gang durch die Strassen auffiel, war, dass wir Deutsche erheblich über die Masse der uns Begegnenden, einige um zwei Kopfeslängen, hervorragten. Eine der Strassen, die wir passierten, öffnete sich gerade nach dem Vesuv hin: so konnten wir die abfliessende Lava in der Dunkelheit trotz der weiten Entfernung deutlich erkennen, sie sah aus, als wenn viele kleine Lichter neben einander am Boden flammten. In der Galeria Umberto, die der Galeria Emanuele in Mailand an Schönheit nichts nachgiebt, aber sie an Grösse und Glanz übertrifft, war, wie allabendlich, Konzert, aber ein so lebhaftes Treiben, dass wir, die wir von der Reise und vom vielen Sehen etwas ermüdet waren, uns bald in ein ruhiges Haus zurückzogen, wo ein guter Trunk deutschen Bieres bald das Gleichgewicht wieder herstellte.

Das Leben und Treiben in den Strassen in Neapel dauert bis tief in die Nacht hinein, da ja die Nächte in Italien besonders angenehm sind, und auch am frühen Morgen ertönt von der Strasse her Gesang und Musik von allen möglichen Instrumenten, die auch im Laufe des Tages selten aufhört: man fühlt, dass diesem Volke froher Lebensgenuss über alles geht.

Wie hell und warm schien in der Frühe schon die Sonne in unser Hotel!l Kaum hatte der April seinen Anfang genommen, aber alle Thüren und Fenster standen offen, so dass man die herrliche, durch das Meer temperierte Luft in vollen Zügen atmen konnte.

In grosser Spannung bestiegen wir am ersten Tage nach dem Morgenessen die zu einer Rundfahrt bestellten Wagen, denn jetzt sollten wir mit dem Volksleben, auch in den entlegeneren Strassen und Vororten, wo es sich unverfälscht erhalten hat, bekannt gemacht werden. Und kaum jemals ist unser Interesse auf der ganzen Reise so rege gewesen, als beim Anblick dieses höchst wechselvollen, farbenreichen Treibens. Spielt doch das Familien- leben wie auch das Geschäftsleben der grossen Masse sich fast ganz auf offener Strasse ab, nämlich in und vor den offenen Tabernen im unteren Stock der Häuser. Die Waren der kleinen Geschäfte hängen draussen zum Verkauf aus und bieten einen sehr bunten Anblick. Alle möglichen Verkäufer durchziehen die Strassen und preisen laut schreiend ihre Sachen