Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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selbst. Von den berühmten Thermen aus der römischen Kaiserzeit wurden die des Dio- cletian in der Nähe des Zentral-Bahnhofs besichtigt. Von ihrer Grösse kann man sich einen ungefähren Begriff machen, wenn man hört, dass eine einzige Bogenhalle derselben in die ansehnliche Kirche Maria degli Angeli umgewandelt ist.

So gingen die Tage in Rom wie ein schöner Traum dahin. Am Ostermorgen fuhren wir noch einmal nach der Peterskirche, um die Feier, die von dem Kardinal Ram- polla, als dem Vertreter des erkrankten Papstes, celebriert werden sollte, anzuschauen. Zwei Stunden lang wartete die lvieltausendköpfige Menge, eine grosse, fast undurchdring- liche Mauer, Geistliche und Laien, Vornehm und Gering aus allen Nationen und Kon- fessionen, schliesslich aber haben die wenigsten etwas von der Feier gesehen.

Wir konnten noch aus der Ferne die Kopfbedeckungen der Priesterschaft und des Kardinals, als sie in Prozession die Kirche betraten, über die Menge weg erblicken: dann hatte unsre Stunde für Rom geschlagen. Nur mit Mühe machten wir uns frei aus dem Menschenknäuel, noch ein Blick zurück in den Riesenbau, noch ein Seitenblick auf die berühmte Pietä von Michel Angelo am Eingang dann bestiegen wir einen der vielen bereitstehenden Wagen und fort gings an der Engelsburg vorbei über den Tiberfluss nach dem Hotel, da sogleich nach dem Mittagsmahl die Reise gen Süden fortgesetzt werden sollte. Wir alle waren trotz der vielen Eindrücke der römischen Tage durchaus nicht abgespannt, sondern in freudiger Erregung; denn neue, herrliche Ziele winkten: Neapel, Capri, Pompeji.

Hatte uns in Rom vorzugsweise Altertum und Kunst beschäftigt, so sollte zwar beides in den nächsten Tagen nicht völlig zurücktreten; vor allem aber hofften wir nun ein interessantes Stück italienischen Volkslebens und die grossartige Schönheit italienischer Natur in vollen Zügen geniessen zu können. Schon die Reise von Rom nach Neapel, die etwa fünf Stunden dauerte, bot des Interessanten genug. In der Richtung der alten Via Latina zieht sich die Bahn zwischen dem Sabinergebirg zur Linken und dem Albanergebirge zur Rechten durch das Land der alten Volsker nach Campanien, der schönsten Landschaft Italiens. Allenthalben die reichste Augenweide, die gar oft geschicht- liche Erinnerungen weckte! Wie mannigfach geformt und beleuchtet die Berge, bald völlig kahl und öde, bald von Kastanien und Olivenwäldern umkränzt, bald ganz nahe an die Bahn herantretend, bald in tiefblauem oder violettem Duft in der Ferne verschwindend! Palestrina und die Albanerberge sahen wir nun in nächster Nähe; dann folgten Aquino, des berühmten Scholastikers Thomas Heimatsort, und Monte Casino, das älteste Kloster Europas, hoch oben auf Bergeshöhe, noch immer ein stattlicher Bau. Vor allem aber weckten unser Interesse die Trümmer des alten Capua(das heutige liegt an der Stelle des alten Casilinum) in reizender Ebene, die in der Ferne von lieblichen Bergen umgürtet ist. Noch heute erkennt man an dem höchst sorgfältigen Anbau die üppige Fruchtbarkeit des Bodens, die Capua im Altertum eine Zeitlang zur blühendsten Stadt Italiens gemacht hat. Doch nun zur Rechten den Blick! denn dort steigt er empor, der Vesuv, und verkündet uns, dass wir uns dem Golfe nähern. Eine mächtige Rauchsäule sendet er in die reine Luft empor, und ein Rauchstreifen unterhalb des Kraters beweist, dass ein Lava- strom thalwärts fliesst. Und immer näher kommen wir dem Ziel: nun wird auch das Meer sichtbar, und die Felsen Capris und Ischias treten hervor. Die ganze Gegend schwimmt