Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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Masse gefesselt wurden, so wollte das Gefühl der Andacht hier, wo Tausende durchein- ander drängten, nicht recht aufkommen. Am Donnerstag zog es uns aus der Peterskirche bald fort nach den Kunstschätzen des Vatikans.

Es glünzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder stehn und sehn mich an.

Von der Antikensammlung des Vatikans sagt ein Altertumsforscher:Wenn man alle Kunstsammlungen der ganzen Welt in den zahlreichen Prunkgemächern eines viel- stöckigen Hauses vereinigt, aber alle toten Gypsabgüsse ausscheidet, so hat man annähernd die Sammlung des Vatikan. Mag das mancher übertrieben finden: die beste der Welt ist sie unbestritten, dafür bürgen schon Werke wie der Laokoon, von Michel Angelo das Wunder der Kunst genannt, Apoll vom Belvedere, Apollo Musagetes, Sauroktonos und Kitharoedos, der Diskuswerfer, die schlafende Ariadne, der Torso des Herkmules, die vielen ausgezeichneten Statuen römischer Kaiser u. s. w. Wer die alte Kunst recht verstehen will, darf hier nicht vorübergehen, sondern muss hier lünger weilen. Uns war das leider nicht gestattet. Aber wenn man diese langen Reihen der trefflichsten Originale auch nur einmal durchmustert und sieht, wie Grosses bier mit einfachen Mitteln geschaffen ist, so versteht man, wie Winkelmann hier zu dem Urteil kommen konnte:Das Wesen der alten Kunst ist edle Einfalt und stille Grösse; man spürt aber auch, welch' ein Unter- schied zwischen Abgüssen und Originalen ist.

Nimmt man nun zu diesen Skulpturen die grossen Meisterwerke der hervorragend- sten Maler, wie sie sich im Vatikan vereinigt finden, namentlich von Rafael und Michel Angelo, so findet man es nicht mehr wunderbar, warum gerade Rom für unsere Künstler als Urquelle aller Kunst so grosse Anziehungskraft hat. Unsre Gesellschaft, die nur etwa 4 Stunden auf diese Sammlungen verwenden konnte, hatte von den Skulpturen, wie mir schien, mehr Genuss als von den Gemälden; denn letztere, namentlich die grossen Wand- gemälde in der Sixtinischen Kapelle, die Stanzen und Loggien Rafaels, erfordern ein viel eingehenderes Studium, auch sind sie zum Teil nicht mehr gut erhalten oder nur aus grösserer Entfernung sichtbar, endlich gehört, wie selbst Goethe bekennt, längere Zeit dazu, sich in diese Kunst einzuleben.

Nachdem ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Roms berührt habe, werde ich an den übrigen schneller vorübergehen.

Auch bei den Katakomben will ich nicht lünger verweilen, die wir von der Kapelle Santa Agnese im Nordosten der Stadt besichtigten. Es sind lange, ganz schmale und niedrige Gänge, wie Stollen, in deren Seitenwünden in mehreren Nischen übereinander, die Leichen der verstorbenen Christen im I.IV. Jahrhundert n. Chr. Aufnahme fan- den. Diese Nischen haben die Länge des jedesmal bestatteten Leichnams und sind teils durch Marmortafeln mit Inschriften, teils durch Terracotta geschlossen; hin und wieder finden sich Malereien, selten Skulpturen, zuweilen besondere Kammern für die Gräber der Bischöfe oder basilikenartige Hallen für den Gottesdienst. Obgleich nur ein Teil der Katakomben ausgegraben ist, sind ihrer doch schon so viel, dass sie, in eine Reihe gelegt, wie man ausgerechnet hat, von den Alpen bis nach Sizilien reichen würden.

Dass wir die hervorragendsten Kirchen, namentlich Santa Maria Maggiore, San Paolo und die alte Papstkirche vom Lateran nebst der Scala santa mit den vielen Stufen, die auch Luther seiner Zeit auf den Knien erstiegen hat, besuchten, versteht sich wohl von