Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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tümern hielten freilich auch die Laster der Welt ihren Einzug, die die innere Kraft und Tüchtigkeit des Volkes allmählich verzehrten.

Und immer gewaltiger wuchs das Reich, und immer lebhafter pulsierte das Leben im Herzen der Weltstadt. Hier am Castortempel, von dem nur noch drei korinthische Säulen erbalten sind, war die Börse, hier liefen Nachrichten ein aus allen Teilen des Reiches und beunruhigten oder erfreuten die kaufmännische Welt. Daneben waren die Geschäfts- lokale der Bankiers und Wechsler, die ihre Filialen in allen namhaften Städten des Reiches hatten. Als sich die Republik überlebt hatte, bahnte Caesar dem Kaisertum und damit der Zeit des höchsten äusseren Glanzes den Weg. Die Fundamente und Säulenstümpfe der einst so herrlichen Basilica Julia zu unserer Linken und die Grundmauern des templum Caesaris gerade vor uns sind noch Spuren seiner schöpferischen Thätigkeit. Aber von dem Gipfel des Erfolges wurde er jäh herabgestürzt, und auf der von ihm angelegten rostra dieses seines Tempels einige Schritte vor uns hielt an seiner blutigen Leiche Antonius jene aufreizende Rede an das Volk.

Mit August beginnt das neue Zeitalter. Alle Strahlen der gleichzeitigen Kultur vereinigt Rom wie in einem Brennpunkte und sie nach allen Seiten wieder ausstrahlend förderte es mächtig die Bildung der gesamten Menschheit. Drüben links neben dem Seve- rus-Bogen zeigt man noch heute die Stelle, wo der goldne Meilenzeiger gestanden haben soll, der den Mittelpunkt des grossartigen Strassennetzes bildete, das festgefügt das ganze Reich umspannte und den Verkehr zwischen allen Teilen des Staates bis in die weiteste Ferne vermittelte. An das Viergespann der Triumphatoren gefesselt, hielten die Künste ihren Einzug, und bei stetig steigendem Kunstbedürfnis zogen Scharen von Künstlern nach Rom: so wurde, als die geistige Kraft der griechisch-orientalischen Welt gebrochen war, Rom eine hohe Schule der Kunst, wie es kaum eine zweite gegeben hat. Unübertrefflich Grossartiges leistete vor allem die Baukunst. Auf dem Palatin, an dessen Fusse wir stehen, erhoben sich die stolzen Kaiserpaläste, einer den andern an Glanz überbietend; auf dem Forum selbst verdrängte ein Prachtbau den andern; in geringer Entfernung davon erhob sich der Riesenbau des flavischen Amphitheaters, und jenseits desselben glänzte vom Ab- hang des Esquilin das goldne Haus des Nero, üiber dem im Jahre 80 Titus seine präch- tigen Thermen errichtete. Unmittelbar hinter der nördlichen Langseite des Forum Roma- num aber war inzwischen, schon unter Caesar und August beginnend, die glänzende Reihe der Kaiser-Fora angelegt, und Trajan, diese Bauten in nordwestlicher Richtung fortsetzend, um sie mit dem Campus Martius in bequeme Verbindung zu setzen, führt dann später das nach ihm benannte Forum auf, das an Ausdehnung die übrigen Kaiser-Fora übertraf und auch an Pracht alles Bisherige weit hinter sich liess. Der Standbilder aber waren besonders in diesen Stadtteilen so viele, dass, wie ein späterer Schriftsteller sich ausdrückt, Rom ein zweites Volk von Marmor in sich zu fassen schien. So machten die Bauten auf dem Palatin, dem Capitol, dem Forum Romanum und den Kaiser-Foren in ihrem Zusam- menhange ein Ganzes von so überraschender Pracht und Grossartigkeit aus, wie fein solches niemals wieder zum Nutzen und zur stolzen Freude einer Nation geschaffen ist. Material stand in unerschöpflicher Fülle zur Verfügung: Porphyr und Granit aus den Gruben Agyptens, Alabaster von Damaskus, vor allem aber die verschiedensten Arten von Mar- mor, wie der goldgelbe numidische, der neuentdeckte carrarische, der rotgestreifte Phry- giens und der grüngeäderte von Euböa.